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Agnes auf dem Dach und Bertha im Namen

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So richtig flüssig geht Schulleiter Martin Sandkämper der neue Name seines Arbeitsplatzes noch nicht über die Lippen. Kein Wunder, denn Bertha-von-Suttner-Realschule – das sind ganze neun Silben, immerhin eine mehr als bisher. Doch die bisherige Namens geberin seiner Schule, Agnes Miegel, hat spätestens am 24. April ausgedient.

Denn in einem Atemzug mit dem 50-jährigen Schuljubiläum feiert die Realschule an diesem Tag auch die eigene Umbenennung und zieht damit den Schlussstrich unter ein ziemlich langes Kapitel in der vergleichsweise kurzen Schulgeschichte.

Für alle, die die Diskussion nicht mitbekommen haben: Agnes Miegel (1879–1964) war eine Schriftstellerin, die dem Gedankengut der Nationalsozialisten nicht gerade fernstand, die regelrechte Lobeshymnen auf Adolf Hitler verfasste. All das hielt die Entscheidungsträger aber nicht davon ab, 1966 die bisherige Mittelschule des Landkreises Osnabrück nach der gebürtigen Ostpreußin zu benennen.

Irgendwann in jüngerer Vergangenheit setzte sich dann aber doch die Erkenntnis durch, dass eine solche Namensgeberin für eine Schule – inzwischen in Trägerschaft der Stadt Osnabrück – ungeeignet sein könnte. Die Suche nach Ersatz endete bei Bertha von Suttner, einer österreichischen Friedensaktivisten, unter anderem mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet und jetzt auch auf der Zwei-Euro-Münze des Nachbarlandes abgebildet.

Und damit begann für Martin Sandkämper – die Initiative zur Umbenennung ging von seiner Schule aus – die Arbeit. „Man muss den Namen bekannt machen“, lautet nach der Entscheidung des Osnabrücker Rates für die neue Namensgeberin seine Devise. Ein neuer Briefkopf musste her, ein neues Schullogo, eine neue Internetseite.

Sandkämper stand vor Problemen, mit denen er so nicht gerechnet hat. Die Satzung des Fördervereins musste neu aufgesetzt werden. Schließlich hatte der sich nach der alten Namens-geberin benannt, hätte seine Arbeit also unter falschem Namen fortgeführt. „Da hatte ich gar nicht dran gedacht“, gibt Sandkämper rückblickend zu.

Doch auch für die Schüler bringt die Umbenennung Probleme mit sich: Wer in diesem Jahr die Schule mit dem Realschulabschluss verlässt, hat sich mit einem Zeugnis bei möglichen Arbeitgebern beworben, auf dem noch der alte Schriftzug prangt. Die Abschlusszeugnisse werden hingegen den neuen Schulnamen tragen. „Wir mussten also eine Lösung finden, um beide Namen auf die Zeugnisse zu bekommen. Sonst hätten die Arbeitgeber gedacht, die Schüler hätten die Schule gewechselt.“ Oder aber gedacht, es gebe die Realschule gar nicht mehr.

Das ist eine weitere Sorge, die bei Sandkämper mitschwingt. Wenn sich das Sekretariat mit dem Namen „Bertha-von-Suttner-Realschule“ meldet, dann käme am anderen Ende der Leitung schon einmal die entgeisterte Frage, ob man sich verwählt habe, schließlich habe man doch die Agnes-Miegel-Realschule sprechen wollen.

„Es wird wohl noch ein wenig dauern, bis sich der neue Name eingeschliffen hat“, vermutet Sandkämper. Bei all der zusätzlichen Arbeit, die die Umbenennung mit sich bringt, ist er aber doch froh, endlich unter neuem Namen unterrichten zu dürfen: „Innerlich hatten wir schon lange keinen Bezug mehr zu Agnes Miegel, auch wenn wir den Namen weiter getragen haben.“

Das soll bei Bertha von Suttner anders werden. Passend zum Arbeitsschwerpunkt der Nobelpreisträgerin soll das Thema Frieden an der Osnabrücker Realschule einen breiten Raum einnehmen. Projekttage vom 5. bis zum 7. Mai sollen zum Beispiel zu diesem Schwerpunkt stattfinden. Sandkämper könnte sich zudem vorstellen, ein verwaistes Friedensdenkmal aus dem Stadtteil Hellern auf den Schulhof zu holen.

Den neuen Namen heißt die Schule übrigens nicht nur mit einem offiziellen Akt willkommen. Am 24. April findet abends in der Diskothek Alando eine große Feier – natürlich auch wegen des 50-jährigen Schuljubiläums – für alle jetzigen und ehemaligen Schüler und Lehrer der ebenfalls ehemaligen Agnes-Miegel-Realschule statt. Karten sind vormittags im Sekretariat der Schule (Telefon 0541/89515) erhältlich.

Agnes Miegel wird derweil nicht gänzlich in den Schulkeller verbannt. Ganz im Gegenteil: Ihr Antlitz wird auch weiterhin auf dem Schuldach prangen. Dort ist nämlich eine Fotovoltaikanlage montiert, in die das alte Schullogo eingearbeitet ist. Und das ließe sich wohl nicht ohne Weiteres ändern, stellt Martin Sandkämper fest. Daher bleibt Agnes Miegel der Bertha-von-Suttner-Realschule noch ein wenig länger erhalten.


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