zuletzt aktualisiert vor

Wer war jener „aufstrebende Liberale“, der beim großen Bruder USA ausgepackt hat? Ein Maulwurf macht die FDP verrückt

Von Beate Tenfelde

Berlin. Ein „Maulwurf“ macht die FDP verrückt: Wer war jener „junge, aufstrebende Liberale“, der während der schwarz-gelben Koalitionsverhandlungen vor einem Jahr die USA mit detaillierten Ablaufplänen, Einschätzungen und internen Papieren versorgt haben soll? Die spektakuläre Veröffentlichung Hunderttausender US-Geheimdokumente im Internet hat die Welt erschüttert, weil kaum jemand dem anderen noch traut.

In der FDP ist man dazu aus anderem Grund alarmiert: Zumindest in zwei US-Depeschen wird ein Jung-Liberaler als Quelle genannt. Wo ist das Leck?

Äußerlich cool, aber deutlich angespannt ist die FDP seither auf „Maulwurf“-Suche – und muss zugleich Spott ertragen: Was sei schon außergewöhnlich an diesen heimlichen Wühlaktivitäten, wo doch die komplette FDP-Politik „unterirdisch“ sei?

Die Führungsspitze spielt die delikaten Plaudereien herunter: Er glaube diese Geschichte „so“ nicht, versichert Parteichef Guido Westerwelle und spricht seinen Mitarbeitern das Vertrauen aus. Aber auch Fraktionschefin Birgit Homburger hält ihre 93-köpfige „Truppe“ im Bundestag für sauber.

Es gebe keinen Anlass zu glauben, dass irgendjemand aus der Fraktion beim großen Bruder Amerika ausgepackt haben soll – wie dies bei Wikileaks, der höchst umstrittenen Internet-Plattform für anonyme Dokumente, behauptet worden sei. Natürlich seien auch ihre Mitarbeiter absolut vertrauenswürdig, merkte die resolute Fraktionschefin gestern an.

Beseitigt ist die nagende Ungewissheit nicht. Die Liberalen sind auch aus anderem Grund ziemlich angestochen: Der arrogante Ton des Berliner US-Botschafters Philip D. Murphy missfällt vielen Freidemokraten. Kein Wort der Entschuldigung von Murphy, obwohl 1719 der 251287 veröffentlichten US-Geheimdokumente aus seinem Haus stammen.

„Am Ende des Tages fällt das auf mich zurück, und ich kann das ertragen. Ich mache mir eher Sorgen um meine Leute. Sie haben nichts falsch gemacht, und ich werde mich für nichts entschuldigen, das sie gemacht haben“, sagt der Botschafter dem Magazin „Spiegel“. So viel Kühle reizt nicht nur FDP-Fraktionsvize Patrick Döring. Er dachte laut über die Abberufung des Botschafters nach.

Da hat Außenminister Westerwelle von seiner US-Amtskollegin Hillary Clinton anderes gehört. Diese habe am traditionellen Familienfest „Thanksgiving“ den Truthahn stehen lassen, um in einem Telefonat persönlich ihr Bedauern mitzuteilen, sagt Deutschlands Chefdiplomat. .„Aggressiv“, „überschäumende Persönlichkeit“ – nein, Westerwelle fühlt sich nicht getroffen von dem, was bei „Wikileaks“ über ihn nachzulesen ist. „Von Ihnen habe ich schon andere Sachen lesen müssen“, ruft er den Berliner Journalisten zu.

Unions-Fraktionschef Volker Kauder wundert sich indessen, wie viele seiner Kollegen von sich aus in der US-Mission geplaudert und gepetzt haben. „Die Tratsch-Botschaft“ – so heißt mittlerweile der wuchtige Bau am Brandenburger Tor.