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Kunstverein Frankfurt zeigt zeitgenössische Kunst aus Argentinien Grüne Soße und scharfe Pistolen

Von Christian Huther

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Ein eigenartiges Paar in einem Land voller harscher Gegensätze: „The Couple“ von Alessandra Sanguinetti Foto: SanguinettiEin eigenartiges Paar in einem Land voller harscher Gegensätze: „The Couple“ von Alessandra Sanguinetti Foto: Sanguinetti

FRANKFURT/MAIN. In diesem exklusiven Ambiente stimmt fast alles: Es gibt Bücher und schöne Bilder, erlesene Möbel und große Kamine, wertvolles Geschirr, gute Kleidung. Dennoch befremden die acht fast lebensgroßen Farbfotos. Denn alle Personen halten eine Pistole in der Hand, allerdings brav auf den Boden gerichtet. Die gut situierte Gesellschaft blickt argwöhnisch drein, gewappnet gegen die Missgunst der unteren Schicht. Acht Porträts, die typisch sind für das heutige Argentinien mit dem immensen Wohlstandsgefälle. Die Manager-Gehälter zählen zu den höchsten in Südamerika, während sich 40 Prozent der Bevölkerung nur mit einem Zehntel des Durchschnittseinkommens zufrieden geben müssen. Die Fotoserie der 39-jährigen Ananké Asseff zeigt dies symptomatisch. Die Besitzenden wollen sich vor den Besitzlosen schützen.

Asseff ist eine von zwölf Künstlern, die sich derzeit im Frankfurter Kunstverein präsentieren, parallel zum Auftritt ihres Landes als diesjähriger Ehrengast der Frankfurter Buchmesse. Die Künstler sind erstaunlich engagiert zwischen politischem Protest und sozialen Projekten. So besucht Mónica Millán, mit 50 Jahren die älteste Künstlerin, regelmäßig eine indigene Gemeinschaft, die von der Herstellung gewebter Stoffe lebt. Die Weberei sorgt für Arbeit und Zusammenhalt, sie beschwört Traditionen und Erinnerungen. Millán hält dies mit Zeichnungen, Fotos und Filmen fest, hilft überdies beim Verkauf der Stoffe.

Ein Engagement, das bei uns höchstens in alternativen Kreisen denkbar ist.Das Verlagsprojekt Eloisa Cartonera basiert auf einer ähnlichen Idee. Junge Autoren stiften ihre fotokopierten Texte, die von Arbeitslosen mit Pappumschlag versehen und handbemalt werden. Diese „Cartoneros“ leben mehr schlecht als recht vom Einsammeln alter Kartons und haben nun mit dem Malen einen sinnvollen Job.

Diese neuen Produktions- und Vertriebswege sprechen ein breites Publikum an und helfen zugleich den vielen Armen, die teilweise auf der Straße die Kartons bemalen – aber jeden höchst individuell!.Die Schau, von Gastkurator Rodrigo Alonso betreut,zeigt das lange vom Militär beherrschte Land zwischen sozialer Teilhabe, gesellschaftlichem Wandel und Protest. Er richtet sein Augenmerk auf die vielen Projekte, die seit der Wirtschaftskrise 2001 entstanden sind. Doch die Künstler machen das Beste daraus, haben es schwer, im eigenen Land zu überleben. Argentinien sei zu weit von den Kunstmetropolen der Welt entfernt, konstatiert Alonso. So ist Tomás Saraceno vor neun Jahren nach Frankfurt gekommen – und fiel auf der Biennale von Venedig 2009 mit gigantischen Spinnennetzen auf. Entworfen hat er sie als Utopien künftigen Lebens, aber sie symbolisieren auch das Netzwerk zwischen Künstlern und Gesellschaft. Um die Tradition und den Kulturaustausch bemüht sich auch Gabriel Baggio. Er lernt gerade, wie man Grüne Soße zubereitet, ein typisches Frankfurter Gericht mit Kräutern, Kartoffeln, Fleisch und Eiern.

Kunstverein Frankfurt/Main: „Tales of Resistance and Change. Artists from Argentina.“ Bis 31. Oktober. Di.–So. 11–19 Uhr. Katalog 19,50 Euro.


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