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Vor 40 Jahren gewinnt die deutsche Fußball-Nationalmannschaft erstmals in England Wembley, 29. April 1972: Der Perfektion sehr nahe

Von Jürgen Bitter

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Torschütze in Wembley: Uli Hoeneß.Foto: imagoTorschütze in Wembley: Uli Hoeneß.Foto: imago

London. „Oh, what a black day for England“, schrieb der „Sunday Express“. Der Weltmeister von 1966 war auf dem „heiligen Rasen“ von Wembley erniedrigt worden, und Frankreichs „L’Equipe“ schwärmte von einer deutschen Nationalmannschaft, die bei ihrem 3:1-Sieg in London „Traumfußball aus dem Jahr 2000“ zelebrierte. An diesem Sonntag, am 29. April, jährt sich dieser historische Tag des deutschen Fußballs zum 40. Mal.

Es war ein regnerischer Abend, an dem England für viele Jahre den Glauben an die erneute Erweckung einer goldenen Ära des britischen Fußballs verlor. Denn ganz selten zuvor war den englischen Profis auf ihrem ureigenen Terrain derart krass eine Lehrstunde in Sachen Technik, Taktik und Tempo verpasst worden. Mit dem ersten deutschen Länderspielsieg in England und dem späteren Triumph im EM-Finale gegen die Sowjetunion in Brüssel erhob sich das Team von Helmut Schön zu einem erklärten Favoriten der Weltmeisterschaft 1974. Es war eine Geburtsstunde der ungewöhnlichen Art.

Helmut Schön, der Bundestrainer, war eigentlich nie ein Freund der großen Worte oder der außergewöhnlichen Gesten, und so ähnelte seine Analyse in der Pressekonferenz eher der eines Bilanzbuchhalters. Die Rache für die ebenso kuriose wie unglückliche Finalniederlage von 1966 mit dem berühmten „Wembley-Tor“ war ihm schon 1970 bei der WM im mexikanischen Leon gegen die Engländer geglückt.

Doch diese Heimniederlage bei der EM 1972 hinterließ bei den fußballvernarrten Untertanen Ihrer Majestät noch viel tiefere Spuren, denn keinem Kritiker im ausverkauften Wembleystadion war die hohe Überlegenheit des „Fußballs made in Germany“ verborgen geblieben.

Dabei waren die Vorzeichen für die Nationalmannschaft alles andere als günstig. Der Kölner Wolfgang Overath und der Gladbacher Berti Vogts waren verletzt – außerdem beeinträchtigten die gesperrten Skandal-Sünder Reinhard „Stan“ Libuda und Klaus Fichtel die Stimmung im deutschen Lager. Wolfgang Weber, der in die Jahre gekommene Karl-Heinz Schnellinger und Jupp Heynckes waren am Ende einer strapaziösen Saison außer Form.

Ohne Euphorie ging die Nationalmannschaft in dieses Spiel – mit Ovationen der rund 10000 Fans aus Deutschland wurde sie verabschiedet. Paul Breitner hatte vor dem Anpfiff die Journalisten noch mit der Aussage irritiert, er halte das Abspielen von Nationalhymnen für gänzlich überflüssig, weil er sich dadurch in seiner Konzentration gestört fühle.

Von beiden Flügeln erwuchs den Engländern eine permanente Gefahr, denn an den Außenseiten gab es für die Deutschen Freiräume, weil im Angriffszentrum Gerd Müller meist zwei Gegenspieler „band“. Der große Star dieses unvergesslichen Abends war jedoch Günter Netzer, der einige Male mit großer Energie das Mittelfeld durchquerte und seine Gegner zu Statisten degradierte. Nach dem Führungstor durch den jungen Uli Hoeneß in der 26. Minute und dem Ausgleich durch Lee in der 77. Minute hatte Netzer die Courage, sich den Ball in der 85. Minute zu einem Foulelfmeter auf den Punkt zu legen. Gerd Müller war ursprünglich als Strafstoßschütze auserkoren, doch dem mangelte es in dieser Sekunde offenbar am nötigen Selbstvertrauen. Netzer traf zwar den Ball nicht unbedingt präzise, doch Torwart Banks rutschte er durch die Hände. Drei Minuten später war das Glück der Deutschen durch Gerd Müllers Drehschuss zum 3:1-Endstand dann vollkommen.

„Wir waren in diesem Spiel der Perfektion sehr nahe“, sagte Günter Netzer, der sich blendend mit Franz Beckenbauer verstand. Und: „Der Sieg von Wembley hat den Geist unserer Mannschaft geprägt – davon haben wir jahrelang profitiert.“


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