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Die Ukraine ist das Sorgenland der EM – Eine Stadt steckt im Stau Fragwürdiges Wagnis

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Schöner Schein: Das 70 000 Zuschauer fassende Stadion von Kiew – abgelichtet am 11. November während der Partie Ukraine - Deutschland. Foto: dpaSchöner Schein: Das 70 000 Zuschauer fassende Stadion von Kiew – abgelichtet am 11. November während der Partie Ukraine - Deutschland. Foto: dpa

Kiew. Die Auslosung der EM-Endrunde in Kiew wird am heutigen Freitag (ab 17.50 Uhr in der ARD) als buntes, fröhliches Event inszeniert, doch in politischer, wirtschaftlicher und organisatorischer Hinsicht gilt das Turnier im nächsten Sommer zumindest in der Ukraine als fragwürdiges Wagnis.

Es ist nicht zu behaupten, dass der Kunstpalast Ukraina besonders einladend wirkt. In der Veranstaltungshalle, einem 1970 im typisch sowjetischen Stil erbauten Betonmonstrum, finden regelmäßig Konzerte statt, nun blickt ganz Fußball-Europa auf das, was sich im großen Saal abspielt – die Auslosung der EM-Endrunde.

Drinnen werden die polnische TV-Moderatorin Olga Freimut und ihr ukrainischer Kollege Piotr Sobczynski durch eine glitzernde Zeremonie führen, draußen ist es seit Tagen grau und nebelig. Trotzdem: Am zentralen Unabhängigkeitsplatz soll eine Open-Air-Feier stattfinden, an der Fassade des Gewerkschaftshauses ist eine große Leinwand angebracht. Der Screen soll dort hängen bleiben und nächsten Sommer als Teil der Fanzone dienen.

Doch ob Anhänger aus ganz Europa sich in Massen hier versammeln werden, ist eingedenk hanebüchener Zustände bei Infrastruktur und Unterbringung schon sehr fraglich. Wenn der EM-Spielplan steht und Fans womöglich sofort erste Quartiere buchen wollen, wird die Ernüchterung gewaltig sein: Auf telefonische Anfragen oder E-Mails reagieren ukrainische Hotels unwirsch oder gar nicht. Im Internet gibt es so gut wie keine Angebote, denn zum einen gibt es viel zu wenige Kapazitäten. Zum anderen wollen alle das große Geschäft machen. 7300 Hotelzimmer der Vier- und Fünf-Sterne-Kategorie werden allein in Kiew für Sponsoren und Funktionäre benötigt; unklar, ob diese Kapazitäten bereitgestellt werden können. Die Stadtverwaltung will nächsten Sommer irgendwie 50 000 Wohnungen zur Verfügung stellen, Appartments von Privatleuten oder Studentenunterkünfte. Schnäppchen sind nicht zu erwarten: Eine renovierte Drei-Zimmer-Wohnung kostet 12000 Euro – für den Zeitraum des gesamten Turniers.

Erschwerend kommen handwerkliche Fehler wie etwa in Lwiw hinzu, eigentlich der ansprechendste der vier ukrainischen Spielorte. „Ich weiß nicht, wer auf die geniale Idee kam, in Lwiw ein Stadion auf dem freien Feld ohne Verkehrsanbindung und neun Kilometer außerhalb des Zentrums zu bauen“, lästerte Boris Kolesnikow unlängst öffentlich.

Der stellvertretende Ministerpräsident und Infrastrukturminister verantwortet in der Ukraine das teuerste EM-Turnier aller Zeiten. Die auf mehr als zehn Milliarden Euro explodierten Gesamtkosten erklärt Kolesnikow damit, dass in der Ukraine seit dem Zusammenbruch der Sowjetunion vor 20 Jahren praktisch keine Modernisierung stattgefunden und man von der Vorgängerregierung enorme Probleme geerbt habe. Gleichwohl sollen Regierungsmitglieder seitdem auch lukrative Geschäfte gemacht haben. Die Internetzeitung „Ukrainska Prawda“ berichtete, dass auch Kolesnikow indirekt an ausführenden Baufirmen beteiligt sei, was dieser umgehend dementierte.

Der UEFA als Aufpasser und Cheforganisator Martin Kallen bleibt gar nichts anderes übrig, als die finalen Projekte besser nicht zu durchleuchten, weil sonst solch Stillstand herrschen würde wie bei einer Autofahrt durch Kiew. Als das neue Olympiastadion am Abend des 11. November mit dem Länderspiel Ukraine gegen Deutschland offiziell eingeweiht wurde, wartete vorher eine hochrangige Delegation aus Politik und Wirtschaft auf Einladung der Deutschen Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) auf den Eröffnungsredner Kolesnikow – der steckte am frühen Nachmittag im Dauerstau und fluchte hernach über den Verkehr.

Dass nach der Generalprobe mit 70000 Zuschauern nicht mal die U-Bahn fuhr, weil der Massenandrang zu groß war, passte ins Bild. Gerade erst hat die Europäische Bank für Wiederaufbau und Entwicklung (EBRD) der Stadt Kiew einen neuen Millionen-Kredit gewährt, um 185 Gelenk- und 140 Trolleybusse anzuschaffen. Denn wer sich vor einer Metro orientieren will, hat es schwer: Die Beschilderung ist spärlich und bisher nur auf Kyrillisch; wer auf Englisch fragt, erntet meist ein mürrisches Kopfschütteln. Gastfreundschaft vor einer EM geht anders.

Vielleicht hat die ukrainische Bevölkerung auch genug andere Sorgen. Als beim Deutschland-Spiel die Anwesenheit des Staatspräsidenten Viktor Janukowitsch verkündet wurde, ertönten gellende Pfiffe. Hintergrund ist die desolate wirtschaftliche Lage, in der sich das Land seit Jahren befindet. Auch mit der Inhaftierung der Oppositionsführerin und Ex-Regierungschefin Julia Timoschenko, die in einem offenkundig politischen Prozess verurteilt wurde, hat sich das Land national wie international Steine in den Weg gelegt.

„Prestigeobjekte wie die EM 2012 dienen der Geldwäsche“, sagte die frühere Ministerpräsidentin Timoschenko unverblümt. Solange die resolute Frau nicht freikommt, wolle auch Bundeskanzlerin Angela Merkel keine EM-Spiele auf ukrainischem Boden besuchen, heißt es in Kiew.

Dabei war 2007 die EM-Vergabe nach Polen und in die Ukraine mit politischen Motiven begründet worden. Das Turnier sollte als Initialzündung für die Modernisierung des Landes dienen und der Ex-Sowjetrepublik die europäische Integration erleichtern.

Argumente, die auch der ukrainische Turnierdirektor Markijan Lubkiwski bei Interviewterminen gerne ungefragt voranschickt. „Das Turnier ist ein geopolitisches Projekt. Die Zukunft von Europa liegt hier. Ich vergleiche die Rolle der UEFA mit der EU, sie bringt uns näher an Europa.“ Wer den meist gut gelaunten 40-Jährigen in seinem Büro im 21. Stock des feudalen Business Center „The Parus“ besucht, dem fällt neben dem Panoramablick gleich das große Konterfei des milde lächelnden UEFA-Präsidenten Michael Platini auf, der auf dem Bild hinter einem ausladenden Ledersessel entspannt eine Tasse Kaffee genießt. Lubkiwski und Platini sind in gewisser Weise miteinander in sportpolitischen Abhängigkeiten verbündete Genussmenschen, und nach außen hin verkaufen beide die Sinnhaftigkeit einer EM 2012 im östlichen Teil von Europa mit schönen Parolen. Einen dringenden Appell an die europäischen Gäste richtet Lubkiwski vorab aber doch: „Die EM wird nur ein Erfolg, wenn die Besucher die Realität und die Mentalität in der Ukraine anerkennen.“ Was auch immer das dann konkret nächsten Sommer bedeutet.


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