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Die neue Zeitrechnung beginnt im Mai 2010 – Löw: Eine sehr, sehr gute Mannschaft Aus Vision wird Realität

Von Alfons Batke


Düsseldorf. Es kam in diesen Tagen im Mai 2010 nicht häufig vor, dass Joachim Löw außerhalb der offiziellen Medienzeiten zu greifen war. Einmal gelang es uns, den Bundestrainer gewissermaßen halboffiziell ins Verhör zu nehmen. Zwischen Weinbergen und Obstplantagen im Südtiroler Trainingslager von Eppan entwarf er eine Vision vom Fußball seiner Nationalmannschaft: „Wir wollen den Gegner spielerisch in Verlegenheit bringen und nicht so sehr durch die bekannten deutschen Tugenden.“

15 Monate später ist aus Vision Realität geworden. Nach der Gelsenkirchener Offensivgala beim 6:2 gegen limitierte Österreicher überschlugen sich die Kritiker mit positiven Besprechungen. So sieht die „Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung“ Löws Ensemble „Auf der perfekten Welle“ und befindet: „Die rasende Entwicklung geht in die nächste Phase.“

Zurück zur ersten Phase: Löw hat aus der Not eine Tugend gemacht. Vor der WM in Südafrika brachen ihm verletzungsbedingt potenzielle Leistungsträger weg, allen voran Michael Ballack. Auch der Ausfall von Simon Rolfes schien nur schwer kompensierbar. Im Trainingslager selbst mussten Heiko Westermann und Christian Träsch ihre WM-Hoffnungen begraben. Und dennoch: In den Wochen des Idylls von Südtirol reifte das, was heute in höchsten Tönen gepriesen wird.

„Ich habe ein gutes Gewissen und ein gutes Gefühl“, sagte Löw im südafrikanischen Winter vor dem ersten WM-Spiel gegen Australien. Keine leeren Worte, das 4:0 über die „Aussies“ war der Treibstoff für ein gelungenes Turnier, die Art des Fußballs von Löws Rasselbande fand weltweit Anerkennung. Wie es nun scheint, ist auch die nächste Stufe gezündet worden. Löw hat dabei in seiner Akribie nicht nachgelassen, der 51-Jährige hat viel getestet, umgebaut, verjüngt und das Puzzle zusammengefügt. Dass es gelegentliche Rückschläge gibt, ist einkalkuliertes Risiko.

Den letzten bedeutenden Titel gab es 1996 bei der EM in England, die Kampfkraft eines Matthias Sammer oder Dieter Eilts sowie die Wucht eines Oliver Bierhoff stehen für einen Erfolg, der das Dilemma freilich kaschierte. Erst die im Jahr 2000 eingeleitete Reform des Nachwuchssystems ebnete den Weg zu einer Generation, deren Elite modernen und schnellen Fußball spielt. Und der zugetraut wird, wieder große Turniere zu gewinnen wie einige ihrer Vorfahren, deren Leistungen für große Epochen stehen:

1954: Sepp Herberger ist der Architekt, schon 1950 beginnt er mit dem Aufbau einer Mannschaft, in deren Zentrum von Beginn an Fritz Walter steht. Mit dem 3:2 im Finale gegen Ungarn, dem Wunder von Bern, wird Fußballgeschichte geschrieben. Anschließend fällt das Team auch aufgrund von Verletzungen und Krankheiten auseinander und spielt nie wieder zusammen. Bis Ende 1956 gibt es nur fünf Siege.

1972: Nach dem EM-Desaster von 1968 (0:0 gegen Albanien) schöpft Bundestrainer Helmut Schön aus dem wachsenden Fundus der Bundesliga. Die WM 1970 in Mexiko (Dritter) setzt das in Gang, was 1972 im wohl schönsten Fußball einer DFB-Auswahl aller Zeiten mündet. Die Symbiose der Gladbacher und Münchener Könner funktioniert, Franz Beckenbauer, Günter Netzer und Gerd Müller stehen auf dem Höhepunkt ihres Schaffens. So paradox es klingt: Bis 1974 knüpft die Mannschaft selten an die Glanzleistungen an, dennoch hält sie dem Druck der WM im eigenen Land stand und erzwingt gegen die spielstärkeren Niederlande den Titelgewinn.

1990: Bei der EM 1988 in Deutschland zeigt Beckenbauers Team endlich auch spielerische Klasse und Offensivgeist. Dafür sorgen Lothar Matthäus, Jürgen Klinsmann und Rudi Völler – auch zwei Jahre später, als die DFB-Auswahl in Italien mit dem 1:0-Finalsieg über Argentinien zum dritten Mal Weltmeister wird.

Die aktuelle Generation ist selbstbewusst genug, aufgrund ihrer Klasse Titel-Ambitionen zu formulieren. „Wir spielen um den Titel und wollen ihn auch“, sagt etwa Lukas Podolski vor der Stippvisite in seiner polnischen Heimat. „Poldi“ ist einer der Exponiertesten im Mikrokosmos Nationalmannschaft. Wenn es sie nicht gäbe, müsste man sie für ihn erfinden. Mit zuletzt nicht gekannter Dynamik markiert er sein Revier.

„Der Star ist die Mannschaft“ – dieser Satz von Berti Vogts, geäußert vor 15 Jahren nach dem Titelgewinn von London, hat heute so keine Gültigkeit mehr. Es ist eine Mannschaft, die viele Stars hat; erstklassige Kicker, durchweg gut gebildetem mündige und selbstbewusste Millionäre in kurzen Hosen. Der kreative Freigeist Mesut Özil etwa, Freitagabend gefeierter Held und im Alltag Weltklassemann im Trikot von Real, hätte möglicherweise vor einem Jahr noch gesagt, dass die DFB-Elf mit einigen anderen Klasseteams mithalten könne. Nach dem Kantersieg über Österreich konstatierte er: „Es gibt natürlich noch immer einige Mannschaften, die mit uns mithalten können.“ Kleiner, feiner Unterschied.

So blieb es bei Joachim Löw, den Ball flachzuhalten – auch angesichts des schwachen Gegners. „Ich würde nicht unbedingt sagen, dass wir die Top-Nation in Europa sind. Wir haben aber eine sehr, sehr gute Mannschaft“, meinte der Bundestrainer. Und eine, in der es viel Entwicklungspotenzial gibt, wenn man sieht, wie jung die Kicker noch sind, die nachrücken und Druck aufbauen. Dass es insbesondere in der Defensivarbeit noch Nachholbedarf gibt, ist Löw nicht entgangen. (Mit hp/dpa)