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Epidemie grassierte auch in Europa – Krankheit muss heute nicht tödlich enden – Hygiene wichtig Gegen die Cholera half kein Aderlass

Diese Vibrionen sind die Erreger der Cholera. Es sind bewegliche, kommaförmige Stäbchenbakterien. Foto: medicalpictureDiese Vibrionen sind die Erreger der Cholera. Es sind bewegliche, kommaförmige Stäbchenbakterien. Foto: medicalpicture

dpa Berlin. Die Cholera in Haiti ist keine neue Seuche. Im 19. Jahrhundert forderte sie allein in Preußen Hunderttausende Todesopfer. Die Ursachen sind die gleichen geblieben: Hygienemängel.

Andreas Fabricius will keine Panik machen, doch die Lage ist ernst in Haiti. Fabricius trägt als Gesundheitsmanager die Verantwortung für die völlig überfüllte Cholera-Klinik des Deutschen Roten Kreuz (DRK) rund 30 Kilometer nördlich von Port-au-Prince. „Wir laufen im Moment über Menschen hinweg, um in unsere Behandlungsräume zu kommen“, berichtet er. Das Problem sei nicht allein die Infektionskrankheit, sondern das mangelnde Wissen über sie. „Über Jahrzehnte gab es in Haiti keine Cholera“, sagt Fabricius. „Die Leute können damit nicht umgehen.“ Dabei könnten Händewaschen mit Seife, Wasserabkochen und saubere Abwasserentsorgung schon viel helfen.

Die Cholera mit unkontrollierbaren Durchfällen und Erbrechen, die innerhalb von Stunden zum Tod führen kann, ist keine neue Plage. Auch Deutschland hat bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts heftig unter ihr gelitten. Als „asiatisches Ungeheuer“ raffte die Cholera nach alten Statistiken von 1831 bis 1894 allein in Preußen mehr als 300000 Menschen dahin. Nach Europa eingeschleppt wurde die Seuche aus Indien. Verbreitet wurden die Bakterien durch die Kolonisation, verstärkten Handel und Kriege. Zum Schrecken des europäischen Bürgertums unterschied die Cholera nicht zwischen Arm und Reich. Sie konnte jeden treffen und bedeutete einen würdelosen Tod inmitten der eigenen Exkremente. Denn die Menschen wussten nicht, wie sie sich wehren konnten. Sie probierten es etwa mit Aderlass und Ausräuchern. Es half nichts. Zu den ersten prominenten Cholera-Opfern in Berlin gehörte 1831 der Philosoph Georg Wilhelm Friedrich Hegel.

Anfang der 1880er-Jahre wies der Berliner Mediziner Robert Koch, der auch die Tuberkulose entdeckte, ein stäbchenförmiges Bakterium als Cholera-Erreger nach. Vibrio cholerae vermehrt sich im menschlichen Darm und wird über den Stuhl ausgeschieden. Längst nicht jeder Infizierte erkrankt, aber nahezu jeder wird zum Bakterienträger. Wie schon andere Forscher vor ihm erkannte Koch den Zusammenhang zwischen bakterienverseuchten Fäkalien und der Trinkwasserversorgung. Denn das Abwasser, das in Flüsse und Bäche floss, wurde damals vielerorts oft noch ungereinigt wieder in die Wasserleitungen gepumpt. Das ist ein tödlicher Kreislauf, wenn Cholerabakterien im Spiel sind.

Die Stadt Hamburg beachtete Kochs Hygiene-Erkenntnisse nicht und wurde 1892 furchtbar abgestraft. Beim letzten großen Choleraausbruch in Deutschland starben damals 8600 Menschen, weil Cholera-Bakterien in die zentrale Wasserversorgung gelangten. Dieser Albtraum war anderen Städten eine Lehre. In Deutschland gab es danach keine großen Ausbrüche mehr.

An den Ursachen von Cholera-Epidemien hat sich bis heute nichts geändert. „Cholera tritt vor allem auf, wenn es keine geregelte Abwasserentsorgung gibt. Also zum Beispiel in Flüchtlingslagern“, erläutert Christina Frank, Expertin am Berliner Robert-Koch-Institut. „Bei einer guten Abwasserentsorgung gibt es dagegen keine Chance zur Verbreitung. Deshalb müssen wir uns in Europa wenig Sorgen machen.“ In Deutschland gab es seit 1990 nur ganz wenige Einzelfälle von Cholera, alle Bakterien wurden eingeschleppt.

Die Krankheit muss mit dem heutigen Wissen nicht tödlich enden. „Wenn Patienten schnell mit sauberem Wasser und Mineralienlösungen versorgt werden, gibt es große Überlebenschancen“, ergänzt Frank. Bei guten Behandlungsmöglichkeiten samt Infusionen und Antibiotika für die ganz schweren Fälle verlaufe Cholera bei weniger als einem Prozent der Patienten tödlich.

Trotzdem bleibt Cholera ein Killer in Ländern ohne gute Gesundheitsversorgung. Die registrierten Ansteckungszahlen sind nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation von 2008 bis 2009 um 16 Prozent gestiegen – auf rund 221200 gemeldete Fälle im Jahr. Die registrierten Todesfälle gingen im gleichen Zeitraum von 5143 auf 4946 zurück. Die WHO geht jedoch von einer sehr hohen Dunkelziffer aus und schätzt die Fallzahlen pro Jahr auf drei bis fünf Millionen, die Todeszahlen auf mehr als 100000. Cholera grassierte 2009 in 45 Ländern der Erde, 31 davon lagen in Afrika. In Lateinamerika war die Cholera in den vergangenen Jahren kein Problem.

Tropenmediziner Kai Braker von der Organisation Ärzte ohne Grenzen sieht in Haiti nun drei Hauptprobleme. „Die Menschen kennen Cholera nicht, sie begeben sich nicht rechtzeitig in Behandlung und es gibt weniger Immunität gegen die Bakterien.“ An manchen Orten werde sogar gegen die Errichtung von Behandlungszentren protestiert. Sie würden als Gefahr gesehen.Mehr als 1000 Cholera-Tote sind in Haiti schon registriert. Die Sterblichkeitsrate berechnet DRK-Manager Andreas Fabricius auf 6,3 Prozent. „Das ist sehr hoch“, sagt er. „Wir sind gerade mächtig dabei, die Vorbeugungsmaßnahmen auszuweiten. Wenn wir die nicht in den Griff bekommen, werden wir hier ewig Cholera-Camps leiten müssen.“


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