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Erster Jazz-Echo wird zu Pauls Party

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Töne hat er stets im Überfluss, dafür fehlten dem Meister am Klavier bei der Ehrung in Bochum die Worte: «Ich bin gerührt» - mehr fiel Pianistenlegende Paul Kuhn (82) in der Jahrhunderthalle nicht ein, als er den Jazz-Echo für sein Lebenswerk entgegennahm.

«Ach ja, ich wollte zum Klavier», ergänzte er dann nach einer kurzen Pause - und griff schon bald wieder in die Tasten. Kuhns Auftritt machte den Jazz-Echo zur Party, zu Pauls Party. Er entfaltet seit vielen Jahren bei seinen Auftritten eine Aura, die Musiker Götz Alsmann in seiner Laudatio gar nicht hoch genug loben konnte.

«Paul Kuhn ist ein in der Wolle gefärbter Jazzmusiker. Er ist mein persönlicher Held, meine Chefinspiration», sagte Alsmann. Zusammen mit 750 Gästen feierten Kuhn und Alsmann die Premiere des Echo-Ablegers, der sich ausschließlich der Sparte Jazz widmen soll. Mit flotten Sprüchen führte Till Brönner durch die zweieinhalbstündige Show: «Die Trompete liegt zu Hause, ich habe Sprechstunde», verkündete er etwa.

Für die Musik sorgten die Preisträger: Die Jazz Allstars traten zusammen auf die Bühne und sorgten mit ihrem Stück «Surprise» tatsächlich für eine musikalische Überraschung. Lateinamerikanisch inspirierte Jazz-Musik jagte Preisträger und Saxofonist Klaus Doldinger durch die Halle. Doldinger hat unter anderem die Melodien für den «Tatort»-Vorspann und den Kinofilm «Das Boot» komponiert. «Ich habe immer für den Jazz gekämpft und hoffe, dass es jetzt weitergeht», sagte Doldinger und lobte damit auch das Engagement der ausrichtenden Deutschen Phono-Akademie.

Jazz ist zwar noch nicht der neue Mainstream, wird aber immer massentauglicher. Es ist die experimentierfreudigste aller Musikrichtungen und fordert ihren Protagonisten gleichzeitig höchste musikalische und technische Virtuosität ab, sagte Dieter Gorny, Vorstandsvorsitzender des Bundesverbandes der Musikindustrie. Deshalb sei Jazz die zweite Stilrichtung, die nach der Klassik einen eigenen Echo und in Bochum eine Uraufführung der besonderen Art bekomme.

Etwas einfacher drückte sich der Berliner Rapper Sido aus, der zusammen mit Popsängerin Cassandra Steen den 32 Jahre alten Jazz-Pianisten Michael Wollny ehrte. «Würde man seine Musik in Worte fassen, hätte er ein freches Mundwerk - dat jefällt mir», sagte Sido. Aber das Publikum fremdelte ein bisschen mit dem Star aus der unbekannten Hip-Hop-Welt.

In starkem Kontrast dazu flüsterte die blonde Skandinavierin Silje Nergaard ihr Lied «Based On A Thousand Stories» fast elfengleich durch die hohen Hallen der Industriekultur und sorgte damit für einen Moment der Entschleunigung. Das gelang auch Götz Alsmann, der Jazz-Musik in seinen TV-Sendungen populärer macht. Sein Stück für den Abend der schwierigeren Töne hieß «Ganz leis erklingt Musik». Brönner kommentierte den Auftritt mit einer rhetorischen Frage: «Haben sie den Schlussakkord gehört? Das ist so ganz meine Musik.»

Als Laudatoren betraten bekannte TV-Stars wie Uwe Ochsenknecht, Piet Kloke, Helmut Zerlett und die US-amerikanische Sängerin Helen Schneider das puristische Bühnenoval. TV-Entertainer Ralph Morgenstern zeichnete den kalifornischen Sänger Curtis Stigers mit einem vergoldeten Schnitzel aus. Der Sänger hatte auf seiner Homepage geschrieben, dass ein deutscher Preis diese Form haben müsse. Es blieb die einzige Einlage auf Comedy-Niveau.

Eine Auszeichnung erhielten an diesem Abend auch Céline Rudolph als beste deutsche Sängerin, Schlagzeuger Wolfgang Haffner als bester Instrumentalist und das Vijay Iyer Trio als bestes Ensemble. Insgesamt zeichnete die zwölfköpfige Jazz-Jury Musiker in 32 Kategorien aus. In die Show schaffte es nur ein Bruchteil. Der WDR zeigt die Preisverleihung am Samstag, 8. Mai, um 22.30 Uhr.


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