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Licht am Anfang des Tunnels Historiker aus Münster arbeiten Geschichte des KZ-Außenlagers Lengerich auf

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Lengerich. Als die SS-Männer Alexander Jurtschenko vor den Augen der anderen Gefangenen aufhängten, war er 19 Jahre alt. Der Russe starb an einem Ort, dessen Namen er vermutlich gar nicht kannte. Von dem er floh, um der brutalen Lagerhaft zu entkommen – dem Hunger, den Schlägen, der Hoffnungslosigkeit. Jurtschenko ließ im April 1944 sein Leben unweit eines stillgelegten Eisenbahntunnels im westfälischen Lengerich, einem Außenlager des Konzentrationslagers Neuengamme.

Am Himmel kreisen zwei Raubvögel. Aufgeschreckt von Wanderern, die den Pfad entlang den Bahnschienen der Strecke Münster–Osnabrück marschieren. Ihr Ziel ist der Eingang zum alten Tunnel. Dorthin verirren sich nur noch wenige.

Eingeladen zu dieser Exkursion hat die Arbeitsstelle Forschungstransfer der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster. Das Projekt heißt „Expedition Münsterland“. Dessen Ziel ist es, der Bevölkerung, den Unternehmen und den Kommunen der Region universitäres Wissen zu vermitteln.

Wer vor dem Tunnel steht, merkt schnell, dass die Uni den richtigen Ort gewählt hat: Weder Plakette noch Gedenkstein erinnern hier an die Zeit zwischen März 1944 und April 1945, als etwa 200 männliche Häftlinge des KZ Hamburg-Neuengamme im Tunnel Flugzeugteile für die Rüstungsproduktion des Dritten Reichs herstellten. 19 Gefangene verloren dabei ihr Leben.

„Vermutlich sind es sogar mehr“, schätzt Dr. Sabine Kittel, Dozentin der Uni Münster. Zusammen mit Thomas Köhler, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Geschichtsort Villa Ten Hompel in Münster, bietet die Historikerin zum Sommersemester ein Seminar an, das sich der Aufarbeitung der Tunnelgeschichte widmet. Und die beginnt, Jahrzehnte bevor die Nazis die KZ-Häftlinge in der Röhre schuften ließen. „Der Tunnel hat mehr zu erzählen“, sagt Sabine Kittel.

Im Dezember 1871 hatte die Köln-Mindener Eisenbahngesellschaft die Strecke zwischen Münster und Osnabrück eröffnet. Fast drei Jahre betrug die Bauzeit für den Tunnel mit einer Länge von 765 Metern. Französische Kriegsgefangene setzen die Deutschen bei den Grabungen ein, denn 1870 und 1871 bekämpften sich die Nachbarstaaten im Deutsch-Französischen Krieg. „Auch hier haben wir schon eine Zwangssituation vorliegen“, erklärt Sabine Kittel. 1928 ist der Tunnel dann zugunsten einer anderen Röhre geschlossen worden.

Bombenkrieg

Mit dem Angriff auf Hamburg im Juli 1943 setzte das massive Bombardement der Alliierten auf militärische und zivile Ziele in Deutschland ein. Die Rüstungsmaschinerie der Nazis geriet ins Stocken. Um die Produktion von Jagdflugzeugen zu steigern, suchte der am 1. März 1944 eingerichtete „Jägerstab“ nach bombensicheren Unterschlupfen für die Werkstätten. Die Rüstungsbetriebe wichen in Höhlen, alte Bergwerkstollen, Gruben, Eisenbahnschächte und eben in Tunnel aus. Untertage-Verlagerung, oder kürzer U-Verlagerung, lautet der Fachbegriff dafür.

Für ihre geheimen Anlagen dachten sich die Nazis Decknamen aus. Für natürliche Höhlen wählten sie Begriffe aus dem Münzwesen, alte Stollen erhielten Fisch- und Amphibiennamen, tiefe Keller weibliche Vornamen und alle Verkehrstunnel Vogelnamen. Das KZ-Außenlager A1 Lengerich bekam den Tarnnamen „Rebhuhn“.

Bereits Mitte März 44 ließ der „Jägerstab“ den stillgelegten Tunnel am Teutoburger Wald für die Produktion von Flugzeugteilen herrichten, von Gefangenen des KZ bei Hamburg. Am Aufbau war auch vermutlich Jurtschenko beteiligt. Am 12. April gelang dem Russen bei Außenarbeiten die Flucht. Wie verzweifelt muss der junge Mann gewesen sein, trug er doch die auffällige Kleidung eines KZ-Häftlings: gestreifte Hose, Jacke aus Zellwolle, barettähnliche Kopfbedeckung und Holzpantinen. Er war unterwegs in einem fremden Land – ohne Nahrung, ohne Geld, vermutlich auch ohne weitreichende Sprachkenntnisse, und eine Gefangennahme kam einem Todesurteil gleich.

Reichsweite Fahndung

Die Gestapo Osnabrück schrieb den Flüchtigen mit der Häftlingsnummer „Neuengamme 25979“ zur reichsweiten Fahndung aus. Auf einem „vertraulichen Meldeblatt“ ist seine Beschreibung protokolliert: „160 groß, kurz geschorene blonde Haare, rundes frisches Gesicht, graublaue Augen, nach außen gebogene Nase, gesunde Zähne, linke Handfläche Tätowierung 1925“.

Jurtschenkos Flucht währte nur kurz. Die SS brachte den Jungen zurück nach Lengerich, wo er am 19. April 1944 hingerichtet wurde. Der Amtsarzt notierte als Todesursache Herzschwäche.

Die Gefangenen, die in den Tunnel geschickt wurden, kamen aus von Deutschland besetzten Ländern: Polen, Russland, Frankreich. Juden waren wohl keine unter ihnen. Wie viele Häftlinge in Lengerich starben, ist unklar. Flucht und Sabotage standen jedenfalls unter Todesstrafe. Jurtschenko war nicht der Einzige, der diesen Weg wählte. Ein Mitglied der Wachmannschaft berichtete 1967 der Polizei von der Hinrichtung dreier Männer, die einen Fluchtversuch unternommen hatten. Ihre Leichen wurden offenbar in der Grube einer Straßenbaustelle verscharrt.

Die alliierten Truppen standen im März 1945 im Münsterland. Die Nazis räumten das Lager Lengerich. Auf verschiedenen Routen verließen die Gefangenen die Stadt. Viele, die den Entbehrungen der Haft getrotzt hatten, starben auf dem Weg in ein anderes Lager. Die Gefangenenzüge am Ende des Weltkriegs sind als Todesmärsche in die Geschichte eingegangen. Die Alliierten erreichten den Tunnel am Ostermontag, 2. April 1945.

Dokumente gesucht

Bilddokumente aus der Zeit des Lagers gibt es vermutlich nicht. Einige Fotos zeigen alliierte Soldaten vor und in dem geräumten Tunnel. Die Münsteraner Wissenschaftler suchen für ihre Forschung Dokumente aus dem Nachlass von Zeitzeugen. „Es gibt noch viele unbekannte Bausteine“, sagt Sabine Kittel. Ihre Studie bezieht ausdrücklich auch die Nachkriegszeit ein. Heute ist beispielsweise bekannt, dass Steine, mit denen die Zwangsarbeiter das Innere des Tunnels verkleidet hatten, zum Bau des Lengericher Feuerwehrhauses genutzt wurden. Und ein Mitglied der SS-Wache zog unweit des Tunnels nach Kriegsende sein Eigenheim hoch.

Das Seminar in Münster wird sich auch mit der Erinnerungskultur beschäftigen. Wie gehe ich mit so einem Ort um? Bisher erinnert lediglich eine beschriftete Plexiglasscheibe an einem Lengericher Gasthof an das KZ-Außenlager. In dessen Tanzsaal waren die Gefangenen eingepfercht, auf 50 Zentimeter breiten Pritschen aus Holz. Jeden Morgen machten sich die 200 KZ-Insassen für jeden Lengericher sichtbar auf ihren zwei Kilometer langen Weg zum Tunnel. Von anderen Zwangsarbeitern waren sie aufgrund ihrer gestreiften Hosen gut zu unterscheiden. Einem Augenzeugenbericht zufolge arbeiteten nämlich auch etwa 1200 Zwangsarbeiter in dieser Zeit in den örtlichen Firmen. Auch diese Geschichte ist nicht gänzlich erforscht.

Mindestens 19 Gefangene ließen in den Monaten des Lengericher Außenlagers ihr Leben. Ihre Leichen ließen die Nazis verscharren oder auf Friedhöfen der Umgebung begraben. Zwei Gefangenennamen stehen sogar in der Gräberliste des Heger Friedhofs in Osnabrück.

Alexander Jurtschenko fand seine letzte Ruhestätte auf dem Lengericher Judenfriedhof. Im Frühsommer wachsen auf seinem Grab wilde Orchideen.

Literatur: Ortgies/Wilm Chemnitz: Tage im Tunnel. Das KZ-Außenlager A1 Lengerich 1944–1945, OsnabrückTecklenburg 2001, ISBN 3-8311-2413-2

Weitere Informationen im Internet unter folgenden Adressen: www.kz-gedenkstaette-neuengamme.de; www.expedition-muensterland.de und www.u-verlagerung.de. Letztgenannte Seite ist ein Produkt einer Gruppe, die sich mit der Erforschung unterirdischer Geheimanlagen der deutschen Rüstungsindustrie beschäftigt. Dort werden auch Bilder vom Inneren des Lengericher Tunnels gezeigt.


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