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Das Gesicht verändert sich an markanter Stelle

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Das alt vertraute Bild an der Emsbrücke in Meppen verändert sich. Am Montag rückte eine Abrissfirma an, um das Wirtschafts- und Lagergebäude an der Emsstraße 12 einzureißen. Das als "Zichorienspeicher" bekannte Gebäude ist nicht denkmalgeschützt und nur ein alter Schuppen. Dennoch verändert die Stadt an einer markanten Stelle ihr Gesicht.

Alte Meppener wollten ihren Augen nicht trauen, als sie die Baustelle sahen, die sich schon seit einigen Tagen durch ein rückwärtiges Absperrgitter angekündigt hatte. Sie erinnern sich noch gut an die Firma Esders, die hier im und nach dem Krieg Futtermittel kaufte und verkaufte. Auf dem Werbeplakat am Giebel des Hauses kann man noch ,,Ankauf - Verkauf" und ,,Stroh" und ,,Futtermittel" entziffern. In den 70-er Jahren hatte man schon mit dem Abriss gerechnet, als am gegenüber liegenden Haseufer das Heim der Katholischen Jugend abgerissen wurde, um einer aufgeständerten Trasse Platz zu machen. Die Pläne wurden dann aber zu den Akten gelegt und erleben in unseren Tagen eine Renaissance. Die vierspurige ,,Bleiche" zeugt noch heute von diesen Plänen, da sie hier an der Emsbrücke abrupt abgeschnitten wird. Schließlich mussten damals auch die Ärzte Ameling und Sievert ihre Häuser verkaufen.

Das Lagergebäude war ursprünglich ein ,,Packhaus", berichtet der Meppener Hermann Stroot. Bis vor 100 Jahren hätten Ems aufwärts fahrende Lastschiffe ihre Schiffsfrachten in Meppen löschen lassen, da die Ems nicht weiter schiffbar und der Dortmund-Ems-Kanal noch nicht gebaut war. Deshalb seien an der Hasemündung Lagerhäuser entstanden, um die Schiffsfrachten zur Zwischenlagerung bis zum Weitertransport per Pferdewagen aufzunehmen. Das Gebäude habe später als Lagerhalle für eine Seifensiederei und für die Zichorie, den bekannten Kaffeeersatz, gedient. Gebaut wurde diese Lagerhalle vom Kaufmann J. Heyl. Die letzten Besitzer waren der Jude Cohen, die Firma Krapp und der Tierarzt Dr. Ameling, der sie an die Stadt Meppen verkaufte.

Die Bauarbeiter staunten, als sie die mit Holz verbarrikadierten Fenster und Luken eingerissen hatten. Berge von altem Gerümpel mussten entfernt werden, wobei jeder Schritt unter Einsturzgefahr getan werden musste. Zahlreiche alte Fahrrad- und Mofagestelle verstellten den Weg, und alte Maschinenteile zeugten von einer handwerklichen Fabrikation. Berge von alten Jutesäcken füllten bald die Container. Ein alter Kühlschrank im Parterre ist fast das einzige Zeugnis vergangener Zeiten. Klobig, kantig und massig steht er in der Ecke hinter dem Treppenaufgang, hat eine dicke Isoliertür und ist im Innern mit quadratischen weißen Fliesen verkleidet.

Die Bauarbeiter sind sich einig, dass niemand mehr etwas mit dem Holz des Lagerhauses anfangen kann. Sie wundern sich, dass der Bau nicht längst eingestürzt ist. Die Balken und Planken sind derart morsch, dass man sich kaum traut, einen Fuß vor den andern zu setzen. Bagger und Spitzhacke sollen nun Platz schaffen. Am Freitag soll der Bau ,,platt" sein. Angedacht ist in diesem Bereich die Errichtung einer Hotelanlage. Wann die benachbarte Seilerei Wöbker ausziehen muss, wissen selbst die Besitzer nicht.

Der Abbruch des Gebäudes habe nichts mit der Bebauung des Quartiers zu tun, erklärte Städtischer Rat Matthias Wahmes gestern auf Anfrage unserer Zeitung. Der Abbruch des Einsturz gefährdeten Hauses sei aus Sicherheitsgründen vorrangig und notwendig gewesen. Herab fallende Dachziegel hätten in letzter Zeit wiederholt Schäden an Autos verursacht. Eine Sanierung sei, so das Ergebnis einer entsprechenden Untersuchung, nicht ratsam gewesen. Die Abbruchkosten würden aus dem Stadtsanierungsprogramm finanziert, so dass der Meppener Haushalt nicht zusätzlich belastet werde.


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