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„Betroffene wirklich überzeugen“

Von Joachim Göres

Hannover. Die milliardenteure Verlegung des Stuttgarter Hauptbahnhofs unter die Erde ist für viele Bürger Symbol dafür, dass ihre Wünsche bei der Stadtentwicklung von den politisch Verantwortlichen nicht ernst genommen werden und sich Investoreninteressen durchsetzen. Das wollen sich immer mehr Stuttgarter nicht bieten lassen, ihr Protest ebbt nicht ab.

„In Stuttgart sind bei der Planung alle gesetzlichen Bestimmungen eingehalten worden. Doch die Bürger akzeptieren es nicht, wenn man sich nur an die Gesetze hält, man muss die Betroffenen wirklich überzeugen und seine Entscheidungen zur Diskussion stellen.“ Das ist die Überzeugung der Saarbrücker Stadtbaurätin Rena Wandel-Hoefer, die am Wochenende auf einer Tagung der Deutschen Akademie für Städtebau und Landesplanung in Hannover von eigenen Erfahrungen berichtete.

In Saarbrücken soll die Stadtautobahn, die parallel zur Saar mitten durch die Innenstadt läuft und täglich von 95000 Fahrzeugen benutzt wird, auf einer Länge von 1,5 Kilometern unter die Erde verlegt werden, um den starken Lärm aus der City zu verbannen und die Stadtmitte etwa durch das Wohnen an der Saar aufzuwerten. Im vergangenen Jahr kurbelte die FDP im Landtagswahlkampf den Protest gegen das 370-Millionen-Euro-Projekt an. Lieber Geld für den Erhalt der Schwimmbäder als für den Tunnel – so das Motto der Gegner. „Selbst wenn der Tunnelbau scheitert, müssen Schwimmbäder geschlossen werden. Man kann die Skeptiker in Bürgerversammlungen überzeugen, doch da erreicht man nur einen Bruchteil der Bevölkerung. Aber es gibt dazu keine Alternative“, so Wandel-Hoefer. Bis 2013 soll eine Entscheidung fallen.

„Man kann heute nicht mehr in konfliktfreien Zonen planen. Es geht um die Verdichtung bereits bebauter Flächen und da ist jedes Großprojekt automatisch umstritten, weil es immer widerstreitende Interessen gibt.Entscheidend ist, wie man mit solchen Konflikten umgeht“, sagt Kunibert Wachten, Professor für Städtebau und Raumplanung an der TH Aachen. Er ist in Hamburg an Planungen für ein Projekt zwischen Stadtpark und City Nord beteiligt. Ursprünglich sollten dort auf 20 Hektar Wohnungen gebaut werden, so in einem Gebiet mit Kleingartenparzellen, auf denen viele Pächter Wohnrecht haben. Wachten: „Wir haben mit allen Schlüsselpersonen wie etwa den Vertretern der Kleingartenvereine gesprochen, um zu gemeinsamen Lösungen zu kommen.“

Fazit der Gespräche: Die stärkste Unterstützung gibt es laut Wachten inzwischen für eine Bebauung mit 1300 Wohneinheiten auf 8,4 Hektar Bauland und den Erhalt der Kleingärten auf 4,6 Hektar Fläche.In Hannover soll die City künftig durch Neubauten stärker zum Wohnen genutzt und das Leineufer besser zugänglich gemacht werden. Ein ehemaliger Kultusminister, ein ehemaliger evangelischer Superintendent und der einst für die Expo verantwortliche Stadtplaner vertreten dabei die Interessen der Bevölkerung. „Die Pläne werden Anfang 2011 hoffentlich die Zustimmung der politischen Gremien bekommen“, sagt Stadtbaurat Uwe Bodemann. Er hat Hunderte von Bürgern in Foren über die städtischen Pläne diskutieren lassen, räumt aber ein: „Manchmal gibt es politische Vorgaben, über die ich nicht verhandeln kann, selbst wenn man die Bedenken der Skeptiker versteht.“Hannovers ehemalige Stadtbaurätin Uta Boockhoff-Gries erinnerte an die Planung der Expo: „Als Hannover den Zuschlag für die Expo bekam, war das Projekt in der Stadt sehr umstritten. Bei einer Abstimmung der Einwohner waren 51 Prozent dafür und 49 Prozent dagegen. Diese Legitimation war wichtig. Es bringt nichts, vonseiten der Politik einfach seine Position durchzusetzen, so gut begründet sie auch immer sein mag. Das Risiko des Scheiterns muss man immer einkalkulieren.“