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„Erst als ich die Leichen sah, begriff ich das Unfassbare“

Es war Liebe, und sie wollten sie gemeinsam dort leben, wo sie keine Angst mehr haben mussten. Doch in jener Nacht ertranken ihre Träume in den eisigen Fluten der Ostsee. Käthe Korella und ihr Verlobter Arthur sahen sich am 30. Januar 1945 zum letzten Mal. Gemeinsam mit ihrem 13-jährigen Sohn Heinrich überlebte sie den Untergang des Flüchtlingsschiffs „Wilhelm Gustloff“.

Heute ist Heinrich Korella 73 Jahre alt und lebt in Hamburg. Hier hat der gelernte Bäcker ein neues Zuhause gefunden. Doch die Erinnerung an die schreckliche Januarnacht vor 60 Jahren ist immer noch lebendig. Der Rentner ist einer von 1239 Überlebenden. Für schätzungsweise 9343 andere auf dem völlig überfüllten Schiff kam jede Hilfe zu spät. Sie ertranken, wurden von hinabfallenden und umstürzenden Gegenständen auf dem Schiff erschlagen oder setzten sich im Angesicht des Todes die Pistole an die Schläfe und drückten ab. Wie viele Menschen tatsächlich nach dem Torpedoangriff des sowjetischen U-Bootes „S 13“ getötet wurden, ist bis heute nicht geklärt.

Es ist ein Mittwoch, als die Gustloff von Gotenhafen aufbricht, um nach Kiel überzusetzen. Draußen weht ein eisiger Wind. Minus 18 Grad zeigt das Thermometer, und das Schiff wiegt auf den unruhigen Wellen. Heinrich und Käthe Korella ist übel vom Seegang. Deshalb legen sie sich in ihrer Kabine hin.

Sie haben Angst, sind auf der Flucht vor den "Russen", die näher rücken. Bei Nacht waren sie bereits zwei Tage zuvor aus Tiegenhof (heute das polnische Novy Dwór Gdánski) geflüchtet. Arthur arbeitete auf der Gustloff als Koch und hatte den beiden heimlich eine Kabine verschafft. „So sind wir gar nicht registriert worden“, erzählt Heinrich Korella.

Es ist 21.16 Uhr, als sie ein dumpfes Geräusch hören. Mit unfassbarer Wucht schießt plötzlich das obere Gestell des Etagenbettes aus den Angeln, fliegt durch die Kabine und kracht auf den Tisch. „Wir hatten so einen Instinkt: Raus!“, erinnert sich Heinrich Korella. „Mutter riss die Tür auf und fragte: ‚Was ist los?‘ Doch niemand antwortete.“ Dann poltert es ein zweites und drittes Mal. Das ganze Schiff bebt. Käthe Korella greift nach ihrem Pelz und der Handtasche, ihr Sohn zieht sich hastig die Gummistiefel an. Gemeinsam rennen sie hinaus, über eine Treppe hinauf aufs Deck. Auf dem Weg dorthin sieht Heinrich Korella einen Mann. Er liegt auf dem Bauch in einem Gemisch aus weißem Schaum und Scherben. Ein Feuerlöscher liegt daneben. Auf den Stufen sieht er überall Menschen liegen. Zu diesem Zeitpunkt weiß er nicht, was vor sich geht. „Ich bin über die Leute gestiegen. Da lege ich großen Wert drauf: Ich habe keinen getreten.“ Später weiß er: Sie sind tot.

Instinktiv laufen die beiden zu den Rettungsbooten. Ein Offizier kontrolliert den Einstieg: Nur Frauen und Kinder sind erlaubt. „Er leuchtete mir unter die Mütze und fragte: ‚Wie alt bist du?‘ 13, antwortete ich. Da schwenkte er mit seiner Taschenlampe auf das Boot. Ich durfte mit.“ Heinrich Korella atmet tief durch, hält kurz inne und streicht sich mit der rechten Hand durch den weißen Bart. Er seufzt. „Wir waren die Letzten.“

An Chaos auf dem Schiff kann er sich kaum noch erinnern. Ähnlich geht es ihm mit vielen Geräuschen. Sie sind kleine Steine eines unvollständigen Gedächtnismosaiks.

Lediglich zwei Männer sind an Bord des Rettungsbootes, um zu paddeln, so schnell es geht. „Es war total überfüllt“, berichtet Heinrich Korella. „Das Boot lag so tief im Wasser, dass nur noch etwa zwanzig Zentimeter hinausragten.“ Eine hochschwangere Frau liegt auf dem Boden. Die Füße von Käthe Korella dienen ihr als Kopfkissen. Das Gefühl der Flucht ist auch im Boot beherrschend. „Wir müssen weg, sonst kommen wir in den Sog: Das Schiff sinkt“, hallt eine Stimme durch die Nacht.

62 Minuten nach Einschlag der Torpedos geschieht das Unfassbare. Aus weiter Ferne sieht Heinrich Korella die Gustloff. Sie sinkt. „Der Bug war schon unter Wasser. Alles war dunkel. Da riss auf einmal die Wolkendecke auf und der Mond kam durch.“ Die Gustloff ist deutlich zu sehen. Und dann geschieht plötzlich etwas Seltsames, das ebenso skurril erscheint wie das Aufblenden des Mondes. Die Schiffsbeleuchtung springt an, und die Gustloff versinkt als heller Strahl am Horizont. 9343 Menschen sterben, darunter sind mehr als 5000 Kinder.

Später werden die Flüchtlinge von dem die Gustloff begleitenden Torpedoboot „Löwe“ aufgenommen und in Sicherheit gebracht. „Sie (die Besatzung) müssen die ganze Nacht Leichen gefischt haben. Denn morgens sah ich auf dem Deck einen ganzen Haufen unter einem Segeltuch gestapelt. Die gefrorenen Beine guckten darunter her. Da habe ich erst richtig verstanden, dass etwas Unfassbares passiert ist.“

Käthe und Heinrich Korella haben Glück gehabt. Doch das will er nicht hören. „Das Glückhaben macht auch ein schlechtes Gewissen“, sagt er. „Die Frage bleibt: Wieso ich und die anderen nicht?“ Bis heute.

Lange Zeit hat Heinrich Korella nicht über das Erlebte gesprochen. „Mutter war stets sehr ängstlich. Wir haben uns nie als Gustloff-Überlebende offenbart. Wir haben das dann durchgestanden und ausgehalten.“ Über Bekannte kommen die beiden erst in Schleswig-Holstein unter. 1955 ziehen sie nach Hamburg. Bis heute lebt er dort nahe der Elbe. Angst vor dem Wasser oder Albträume kennt er nicht.

Zum 40. Jahrestag des Gustloff-Unglücks hat er sich erstmals mit Überlebenden im Ostseebad Damp getroffen. Erst dort habe die persönliche Aufarbeitung begonnen, gesteht Heinrich Korella. Im Herbst 2003 hat er schließlich seine Scheu überwunden und ist in die alte Heimat zurückgekehrt. „Ich hatte jahrzehntelang meine persönliche Eiszeit.“ Doch die Entscheidung bereut er nicht. „Im Bewusstsein hat es mich stabiler gemacht. Es ist alles wahr, woran man sich erinnert.“

Seine Mutter Käthe hat diesen Schritt nie geschafft. Sie wollte nicht zurück. Heute ist sie mit ihrem Arthur vereint. Sie starb vor zehn Jahren.

Kurz vor Kriegsende wurden drei Schiffe torpediert - Tausende starben
1945 versenkten die Sowjets kurz vor Kriegsende drei Schiffe. Das Flüchtlingsschiff „Wilhelm Gustloff“ sank um 22.18 Uhr in der Nacht des 30. Januar 1945 in den Fluten der Ostsee. Das sowjetische U-Boot „S 13“ unter dem Kommando von Alexander Marinesko hatte um 21.16 Uhr drei Torpedos auf das 208 Meter lange Schiff abgeschossen. Es war von einem feindlichen Schiff ausgegangen. 10582 Menschen waren an Bord, darunter 8956 Flüchtlinge, 918 Offiziere, Unteroffiziere und Mannschaften der 2. U-Boot-Lehrdivision, 373 Marinehelferinnen, 162 schwer Verwundete und 173 Mitglieder der Handelsmarine. 1239 Passagiere überlebten.

In seinem Roman „Krebsgang“ verarbeitete Günter Grass die Unglücksnacht der Gustloff. Das Buch erschien im Februar 2002. Alexander Marinesko gab ebenfalls nur wenige Tage nach dem Untergang der Gustloff, am 10. Februar, den Befehl, das Verwundetentransportschiff „Steuben“ zu torpedieren. Etwa 4500 Menschen wurden dabei getötet. Bis heute feiert Russland den Kommandanten. Am 9. Mai 1990 erhielt er posthum den Orden „Held der Sowjetunion“.

Schließlich sank am 16. April 1945 binnen sieben Minuten das Flüchtlingsschiff „Goya“. Zwei Torpedos eines sowjetischen U-Bootes hatten es getroffen. Von 7200 Flüchtlingen und Verwundeten an Bord konnten nur 172 gerettet werden.


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