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Verbannter Mourinho lässt Spieler sprechen – Xavi: Lieber über Fußball reden Neues vom Verschwörungstheoretiker

Von Ronald Reng

Genug gesehen: Real-Coach Jose Mourinho verlässt das Hotel, in dem er sich das Spiel seines Teams ansah. Foto: WittersGenug gesehen: Real-Coach Jose Mourinho verlässt das Hotel, in dem er sich das Spiel seines Teams ansah. Foto: Witters

Barcelona. Seine Stimme war ins Stadion gekommen. Real Madrids Trainer José Mourinho, der im Hinspiel die Rote Karte gesehen hatte und deshalb seine Elf nicht coachen durfte, verfolgte den zweiten Teil des Champions-League-Halbfinales 500 Meter von Barcelonas Camp Nou entfernt am Fernseher, in einer Suite des Hotels Rey Juan Carlos, aber man hörte ihn kurz vor Mitternacht plötzlich überall in den Katakomben des Stadions. Er sprach aus dem Mund seines Assistenztrainers, aus den Worten seiner Fußballer Cristiano Ronaldo oder Iker Casillas.

Wie ferngesteuert spulten sie noch einmal Mourinhos hysterische Propaganda ab, die ihnen bei klarem Verstand wohl selbst peinlich wäre. Doch indoktriniert von ihrem Trainer in diesen clásico-Wochen mit vier Duellen in allen Wettbewerben gegen den geliebten Feind FC Barcelona, verwandelten sie sich mit Eifer in Mourinhos Marionetten. „Man hat uns beraubt, exekutiert“, geiferte Casillas, dieser liebenswerte Torwart. „Barça hat irgendeine Macht hinter sich“, fantasierte Ronaldo. Der schlecht beleuchtete Hinterausgang bot ihnen die passende Kulisse nach dem 1:1, das Barcelona dank des 2:0-Hinspielerfolgs ins Finale von Wembley am 28. Mai brachte.

Für 17 Tage und vier clásicos hatte Mourinho eine Parallelrealität geschaffen, in der Hoffnung, mit seinen Verschwörungstheorien Schiedsrichter und Gegner aus dem Takt zu bringen sowie die eigene Elf aufzuwiegeln.

Wenn nun Bilanz gezogen wird, darf sich der Gegner Barça als ChampionsLeague-Finalist und wahrscheinlicher spanischer Meister als Gesamtsieger fühlen. Aber auch für Real wäre der Ausgang dank des epischen Siegs im spanischen Königspokalfinale erträglich, wenn nicht eine große Frage bliebe: Wie sehr hat sich Mourinho in den Duellen verschlissen? Denn irgendwann wird sich in den Hinterköpfen der Real-Spieler die Wahrheit einschleichen, dass kein Schiedsrichter, keine geheime Hand die Kämpfe entscheidend beeinflusste. Wird die Elf dann nicht im Glauben an einen Trainer erschüttert, der zwar emotionale Kriegsführung, aber offensichtlich kein strukturiertes Angriffsspiel lehrt?

Hinter der schrillen Stimme Mourinhos aus den Mündern von Casillas und Ronaldo lag das klingende Schweigen der anderen Spieler, die sprachlos flüchteten. Verteidiger Raúl Albiol hat schon einmal anklingen lassen, dass einige im Team von Mourinhos simpler Strategie wenig beeindruckt sind. Reals deutscher Nationalspieler Mesut Özil blieb als traurige Fußnote dieser Wochen zurück. In Mourinhos clásico-Sonderdefensive fand Özil, Reals Entdeckung der Saison, allenfalls in Momenten Raum. Am Dienstag wurde er gar erst nach einer Stunde eingesetzt. Er spielte zittrig, wie unter Schock nach der Rückversetzung.

Als Mourinhos Geisterstimmen endlich aus dem Stadion verschwunden waren, stand noch ein Mann unscheinbar in einer Ecke und bat: „Lasst uns über Fußball reden!“ Lasst uns über das reden, was wirklich war, meinte Barças Schrittmacher Xavi Hernández. Er machte es kurz: „Wir waren besser.“ Barça spielte in allen vier Partien den raffinierteren Fußball.

Trainer Pep Guardiola gibt ihrer grundsätzlichen Idee – dem Monolog des Passspiels – immer neue Varianten: Als sie aus dem Königspokalfinale lernten, Madrid würde nicht angreifen, weigerte sich Barça fortan einfach auch zu stürmen. Vor allem im Champions-League-Hinspiel, aber auch am Dienstag pressten sie Real nicht in deren Hälfte. Barça schob sich den Ball vor allem hinter der Mittellinie zu, um dann mit weniger Mann als sonst auszurücken. So fand Madrid kaum Raum zum Kontern, und Barças Fußball blieb trotzdem ansehnlich.

Barças Dani Alves versuchte sich an einem Schlusswort. „Am Ende“, sagte er, „weist der Fußball immer jeden auf seinen Platz.“ Draußen fiel der Regen unverändert wie sonst nur in Carlos Ruiz-Zafóns Barcelona-Roman „Der Schatten des Windes“ – warm, flutartig, gemacht für besondere Nächte –, als Reals Mannschaftsbus noch kurz am Hotel anhielt. Unbeachtet stieg ein Mann zu, auf den der Fußball an diesem Abend wunderbar verzichten konnte.