zuletzt aktualisiert vor

Die "Estonia": Ein Schiffswrack voller Fragen

Von


Das gewaltige Stück Metall steht auf einem Abstellplatz der Marine, irgendwo in Schweden, und rostet vor sich hin. Es hat etwa die Form eines Dreiecks, aber dort, wo es Ecken haben müsste, ist das Material sanft geschwungen. Es ist die Bugklappe der "Estonia", um deren Untergang sich beinahe ebenso viele Gerüchte ranken wie um den Untergang der "Titanic".

989 Menschen sind an Bord des Fährschiffs, das in der Nacht vom 27. auf den 28. September 1994 auf dem Weg von Tallinn nach Stockholm ist. Kurz nach Mitternacht nimmt das Unglück seinen Lauf, das nur wenige Minuten dauert und die meisten Menschen im Schlaf überrascht. Die Fähre bekommt plötzlich Schlagseite, kentert und versinkt. Wer es ans Deck schafft, muss in die sturmgepeitschte, nachtschwarze und kalte Ostsee springen.

An diesem Dienstag, dem zehnten Jahrestag der "Estonia"-Katastrophe, dürften viele Hinterbliebene der 852 Toten große Bitterkeit empfinden. Zwar gab es eine offizielle Untersuchungskommission, die eine Erklärung für den Untergang fand: die Theorie des defekten Bugvisiers. Doch daran wollen viele nicht glauben. Im Gegenteil. Die Hinterbliebenen klagen, dass die Behörden in Estland und Schweden alles getan hätten, um die Klärung der Ursachen unmöglich zu machen. So versprach die schwedische Regierung zunächst, sie werde Wrack und Leichen bergen. Technisch wäre das wohl auch möglich. Das Schiff liegt in 80 Metern Tiefe rund 20 Seemeilen von der Insel Utö entfernt, die Strömung ist dort nur gering. Dennoch wurde die Stelle bald per Gesetz zum Friedhof erklärt. Das Wrack sollte zuerst einbetoniert werden, was aber scheiterte. Drei Jahre lang arbeitete die Untersuchungskommission. In dieser Zeit stiegen mehrere Mitglieder aus, die von Unterlassungen, Geheimabsprachen und Vertuschungsversuchen berichteten. Auch der Vorsitzende Olof Forssberg trat zurück und gestand, er habe die Öffentlichkeit über Beweismaterial belogen.

Die offizielle Erklärung lautet: Kurz nach Mitternacht habe sich das Bugvisier der 15556 Tonnen schweren Fähre geöffnet - auf offener See, bei voller Fahrt, ausgelöst durch einen technischen Defekt. Unmengen von Wasser seien in das Autodeck geströmt, was das Schiff zum Kentern und schließlich zum Sinken gebracht habe.

"Das kann nicht sein, und das ist die einhellige Meinung der ganzen Schifffahrtswelt", sagt der Hamburger Peter Holtappels. Die "Estonia" hätte so nicht untergehen können, so der Rechtsanwalt, weil sich unter dem Autodeck noch einige gut abgedichtete Räume befanden, wie der Maschinenraum oder die Sauna, in denen Luft eingeschlossen war. Die Fähre hätte eine so genannte Eskimo-Rolle machen müssen, hätte sich umgedreht, "aber sie hätte auf dem Wasser bleiben müssen". Es habe also, so die Schlussfolgerung, auch Löcher im Schiffsrumpf geben müssen. Bloß woher, lautet die Frage. Der Rechtsanwalt fungiert als Sprecher der Papenburger Meyer-Werft. Er leitet eine unabhängige Untersuchungskommission, die "Deutsche Expertengruppe", die unter anderem von der Werft beauftragt wurde, denn diese hatte das Schiff 1980 gebaut (siehe "Zur Sache"). Es ist eine von mehreren Gruppen, die sich der Erforschung des Untergangs widmen. Immer noch auf eigene Faust aktiv ist auch die "International Fact Group", doch die Mitglieder wollen anonym bleiben: Es habe viele Versuche gegeben, sie einzuschüchtern, sagt ein Sprecher. Auch Peter Holtappels hat eine solche Erfahrung gemacht: "Mir haben offizielle Stellungen eine Warnung gegeben."

Die deutsche Journalistin Jutta Rabe hat sich den Untergang gewissermaßen zur Lebensaufgabe gemacht. Sie hat drei Tauchexpeditionen unternommen, 14 Dokumentationen gedreht, ein Buch geschrieben ("Tragödie eines Schiffsuntergangs", Verlag Delius Klasing, Bielefeld) und den Spielfilm "Baltic Storm" produziert, in dem die Verschwörungstheorien noch weitergedreht werden. Denn davon gibt es mehrere. Vor allem eine hält sich hartnäckig: Der russische Geheimdienst soll das Schiff gesprengt haben, um den Schmuggel von High-Tech-Waffen aus Russland zu unterbinden. Adressat sollen, so die Theorie, die USA gewesen sein. Davon ist auch Jutta Rabe überzeugt. Eine Sprengung, lautet die übereinstimmende Meinung mehrerer Experten, würde am ehesten erklären, wie das Schiff untergehen konnte.

Die Rufe nach neuen Untersuchungen verstummen nicht. In der vergangenen Woche forderten schwedische Parlamentarier eine neue Untersuchung des Vorfalls. Auch die "Deutsche Expertenkommission" hat die Arbeit wieder aufgenommen. So ist ein Überlebender aufgetaucht, der berichtete, dass das Schiff nach dem Kentern zuerst mit dem Heck in der Ostsee verschwand. Unmöglich, wenn die Theorie vom vollgelaufenen Autodeck stimmen sollte. Zehn Jahre sind vergangen. Doch die Fragen bleiben nicht nur - es werden immer mehr.

Zur Sache: Die Estonia-Katastrophe
Es war die schwerste Schiffskatastrophe in europäischen Gewässern seit dem Zweiten Weltkrieg: Vor zehn Jahren kamen in der Nacht vom 27. auf den 28. September insgesamt 852 Passagiere und Besatzungsmitglieder beim Untergang der Fähre "Estonia" ums Leben. Nur 137 Menschen überlebten das Unglück, das sich vor der finnischen Südküste in der Ostsee ereignete. Die so genannte Roll-on/Roll-off-Fähre befand sich in stürmischer See auf dem Weg von Tallinn nach Stockholm. Das Schiff war im Jahre 1980 von der Meyer- Werft gebaut worden - aber nur für den Einsatz in Küstennähe. Die estnische Reederei "Estline" war dritter Eigner. So hieß die "Estonia" erst "Viking Sally", dann "Wasa King". Fakt ist: Das Schiff war schlecht gewartet und nicht für Hochseefahrten zugelassen. Den Untergang erklärt das allein aber nicht.


Weitere Angebote, Produkte und Unternehmen der noz MEDIEN