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Gezwitscherte Geschichte Ambitioniertes Projekt: Student twittert täglich über den Zweiten Weltkrieg


Geschichte in Echtzeit – eine der Stärken des Kurznachrichtendienstes Twitter. Ob arabischer Frühling, die Notlandung im Hudson River oder Neuigkeiten aus dem Bundeskanzleramt: Auf Twitter werden aktuelle Weltereignisse dokumentiert. Nun sorgt aber ein Projekt für Aufsehen, das sich mit der Vergangenheit auseinandersetzt. Alwyn Collinson twittert seit dem 31. August 2011 unter „RealTimeWWII“ über den Zweiten Weltkrieg in Echtzeit, das heißt, seine über 201000 Follower erleben „live“ mit, was seit Kriegsbeginn geschehen ist. Den 24-Jährigen interessiert laut eigener Aussage vor allem die Perspektive der Menschen, weniger eine exakte Darstellung von Fakten. Doch ein genauer Blick auf seine Tweets zeigt: Sein Projekt ist interessant, aber nicht vollständig durchdacht.

Jan Hodel wirft dem Studenten auf weblog.hist.net unter anderem vor, eine Chronik von Kriegshandlungen und Tötungsakten zu verfassen und sich eben nicht dem Alltag zu widmen. Der Lehrbeauftragte am Zentrum für Politische Bildung und Geschichtsdidaktik in der Schweiz kritisiert Collinsons Tweets nach wissenschaftlichen und didaktischen Maßstäben, daran muss sich der Geschichtsstudent aus Oxford aber auch messen lassen.

Es müsse „verquer anmuten, wenn eine 140-Zeilen-Nachricht ohne Angabe von Kontext oder Quelle durch die Welt getwittert wird“, lautet Hodels Vorwurf. Wer jetzt erst einsteigt und die vergangenen Tweets nachliest, könnte schnell ermüden: Denn trotz Collinsons Ziel, die Menschen im Blick zu haben, kommt er natürlich um die Kriegsberichterstattung nicht herum. Interessant werden die Tweets, wenn er die Zeitzeugen zuWort kommen lässt. Oftmals muss das in mehreren Nachrichten sein, weil die Zitate sehr lang sind. Dann ergibt sich wieder das Problem, dass die Tweets nicht komplett für sich sprechen. Würde er sich nur auf eine Person statt auf einen kompletten Krieg beziehen, könnte der Leser den Zusammenhängen einfacher folgen.

Ein Blick auf andere historische Twitter-Projekte zeigt, wie das funktionieren kann: Phil Gyford twittert unter dem Account „samuelpepys“ die Tagebucheintragungen des Londoner Staatssekretärs aus dem 17. Jahrhundert. Gyford gibt dem Chronisten der Restaurationsepoche unter König Karl II. von England damit ein modernes Gesicht.

Jan Hodel lobt das Projekt, das seine Anforderungen von geschichtswissenschaftlicher und geschichtsdidaktischer Warte aus erfülle. „Die Tweets sind eingebettet in einen Kontext, der ausführlich dokumentiert ist und auch von der Größe her handhabbar erscheint“, begründet er seine Bewertung.

Das Projekt versuche nicht, ein kaum fassbares und universales Thema wie den Zweiten Weltkrieg zu behandeln, sondern fokussiere auf das Leben einer Person. Genau das, was Collinson eigentlich mit seinen Tweets bezwecken möchte. Der Account von Phil Gyford zeigt auch, dass das Projekt von Collinson zwar für den Zweiten Weltkrieg neu ist, aber nicht für den Versuch, Geschichte auf Twitter darzustellen. Gyford hat den ersten Tagebucheintrag von Samuel Pepys, der auf den 1. Januar 1660 datiert ist, am 1. Januar 2003 veröffentlicht. Zurzeit hat er etwa 24 850 Follower.

Allerdings wird für Hodel gerade beim Pepys-Projekt deutlich, wo die Grenzen von Twitter liegen. Die Aufbereitung des Tagebuchs auf der Website sei schon sehr überzeugend umgesetzt. Dort wird nicht nur die Herkunft des neu aufgelegten Originaltextes angegeben; der Text wird mit Links zu weiteren Einträgen und Glossaren versehen. „Gegenüber dieser umfassenden Kontextualisierungsleistung fallen die begleitenden Twitter-Häppchen schon sehr stark ab“, kritisiert Jan Hodel abschließend.

Direkte Konkurrenz zu Alwyn Collinson stellt der Twitter-Account „ukwarcabinet“ dar. Das Nationale Archiv der englischen Regierung veröffentlicht Passagen zum Zweiten Weltkrieg ab 1942, allerdings immer mit Link zur Quelle aus dem Archiv.

Auf der Seite twhistory.org werden Reenactments vorgestellt, die Neuinszenierung geschichtlicher Ereignisse in möglichst authentischer Weise. Beispiele: die Neuinszenierung vom Untergang der Titanic oder die Schlacht von Waterloo. Dabei wurde historischen Persönlichkeiten eine Stimme verliehen. Das soll auch bei den Tweets von John F. Kennedy passieren, in denen das John F. Kennedy Museum über seine Tage als Präsident zwitschert. Für Jan Hodel wird aber nicht klar, ob hier wirklich Zitate aus Kennedys Reden verwendet werden. Im Prinzip sei das vor allem Werbung für die Institution.

Jan Hodel ist aus wissenschaftlicher und didaktischer Sicht weiterhin nicht davon überzeugt, dass Twitter ein geeignetes Instrument zur Darstellung von Geschichte ist. Der Erfolg mit über 201000 Followern gibt momentan zwar Alwyn Collinson recht. Fraglich ist aber, ob er alle bis zum Ende des Krieges unterhalten kann, denn ihm stehen noch etwa fünfeinhalb Jahre Twittern bevor.


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