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Morgens Fango, abends Tango

Auf die Spuren des Kurschattens begibt sich eine Ausstellung, die von (von links) Simone Brundiek, Dr. Rolf Westheider, Arnold Beuke und Gerhild Averbeck im Sole-Vital-Bad eröffnet wurde. Foto: Horst TroizaAuf die Spuren des Kurschattens begibt sich eine Ausstellung, die von (von links) Simone Brundiek, Dr. Rolf Westheider, Arnold Beuke und Gerhild Averbeck im Sole-Vital-Bad eröffnet wurde. Foto: Horst Troiza

Sein Bekanntheitsgrad ist legendär, auch wenn er selbst im nebulösen Hintergrund bleiben möchte: Der Kurschatten ist dort zu Hause, wo im eleganten Stil gebadet und gekurt wird. Naheliegend, dass nun im Kurort Bad Laer eine Ausstellung gezeigt wird, die Licht ins Dunkel dieses Tabus wirft.

Es liegt in der Natur der Sache des Bäderbetriebs, dass dort die Geschlechter eng auf Tuchfühlung oder noch näher zusammenkommen können. Schon seit dem Mittelalter, als die Kur noch ein adliges Privileg war, kam mancher Kurgast nicht allein wegen der Gesundheitspflege ins Bad, sondern suchte auch das amouröse Abenteuer. Denn viele plagte der Liebesfrust, waren doch die meisten Ehen dieser Kreise eher aus dynastischen Erwägungen der Eltern denn aus Zuneigung der Ehepartner entstanden.

„Das Kurbad entwickelte sich zur anerkannten Örtlichkeit, in der Damen und Herren flirten oder eine Affäre beginnen und trotzdem ihre Anonymität gewahrt wissen konnten“, weiß der Kulturhistoriker Arnold Beuke zu berichten. Der Leiter des Stadt- und Bädermuseums Bad Salzuflen führte zur Eröffnung der Ausstellung „Der Kurschatten. Ein Tabu bei Licht betrachtet“ in das Thema ein. Die Wanderausstellung, die 2007 vom Kur-, Stadt- und Apothekenmuseum Bad Schwalbach in Kooperation mit Völkerkunde-Studenten der Uni Mainz entstanden ist, macht bis zum 8. November Station in den Räumen von „Sole Vital“, unterstützt von „Sanicare“.

Auf großen Plakatwänden sind Texte, Bild- und Fotomaterial gesammelt, die den Weg des Kurschattens durch die Jahrhunderte nachzeichnen. Erst im 19. Jahrhundert änderten sich die manchmal frivolen Sitten, und die Prüderie versalzte den Lustsuchenden in den Bädern das Süppchen. Kurorte wie Bad Ems oder Karlsbad standen im Licht der Öffentlichkeit, weil Staatspolitiker und Diplomaten sie zu einer mondänen Welt gemacht hatten.

Erst nach dem 1. Weltkrieg zog wieder moralische Freizügigkeit ein. Seine letzte große Blütezeit erlebte der Kurschatten während der 50er-, 60er- und 70er-Jahre, als sich das Kuren zur Präventionsveranstaltung der Gesundheitspflege mauserte. „Morgens Fango, abends Tango“ – da schnalzte mancher Kurgast wissend mit der Zunge.

„Das vorläufige Ende wurde dem Kurschatten mit der Gesundheitsreform der 1990er-Jahre beschert“, sagt Laers stellvertretender Bürgermeister Dr. Rolf Westheider. Nun sei der Bäderaufenthalt „allein vom wirtschaftlichen Zweck überlagert“. Dabei habe doch der Kurschatten einmal als „der beste Assistent des Arztes“ gegolten.


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