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„Jeder Fall ist anders“

„Guten Tag, ich bin der Frank und hier bei Gericht Richter. Wir wollen uns heute mal ein bisschen über dich unterhalten“ – in solcher oder ähnlicher Form beginnen häufig „Vernehmungen“, die Familienrichter Frank Teckemeyer mit Kindern jeglichen Alters führt, wenn sich Eltern scheiden lassen und der Jurist unter anderem über das Sorgerecht entscheiden muss.

Zumeist, so berichtet er, versucht er dann, das Gespräch unverfänglich zu beginnen und fragt erst einmal: „Wie geht es dir denn heute?“, um dann eventuell über Hobbys oder Interessen des Nachwuchses zu reden und später, wenn eine Basis für das Gespräch gefunden ist, zu erfragen, wie denn der oder die Minderjährige zur Scheidung der Eltern steht. Sollte das Kind aber, was durchaus vorkommt, noch vor einer Begrüßung mit seinem Satz wie „Ich will nicht zum Papa, weil der immer so gemein zur Mama ist“ herausplatzen, dann wird der 47-jährige Jurist hellhörig. Selbstverständlich kommt auch der umgekehrte Fall vor.

„Ein solches atypisches Verhalten eines Kindes legt zwei mögliche Rückschlüsse nahe“, so Richter Frank Teckemeyer, „nämlich, dass entweder ein Elternteil versucht, die Meinung des Kleinen zu beeinflussen, oder dass in der Vergangenheit massiv irgendetwas vorgefallen ist, was das Kind emotional sehr stark mitnimmt.“ Überwiegend hält es der Familienrichter jedoch mit der Losung „Kindermund tut Wahrheit kund“ und ist davon überzeugt, dass der Nachwuchs grundsätzlich eher nicht dazu neigt, sich, strategisch denkend, zu verstellen und eine solche Vernehmung taktisch anzugehen.

Als Zivil- und Familienrichter ist Frank Teckemeyer auch für einen Teil der 750 familienrechtlichen Vorgänge des Amtsgerichts zuständig – zum überwiegenden Teil geht es dabei um Ehescheidungen. Und davon, so Teckemeyer, seien gut die Hälfte einvernehmlich, und beide Menschen hätten erkannt, dass ein weiterer gemeinsamer Lebensweg einfach keinen Sinn mehr mache.

„Lediglich ein kleiner Teil von um die zehn Prozent artet in ,juristischen Häuserkampf‘ aus“, erzählt der Richter. Dabei würde dann leider auch um den letzten vertrockneten Adventskranz und jede verdreckte Franse eines 20 Jahre alten Teppichs gestritten. Doch auch wenn das Verhalten von Menschen, die sich immerhin einmal geliebt haben, persönliches Kopfschütteln auslösen mag – anmerken lässt sich das der Jurist im Berufsalltag selbstverständlich nicht.

Selbiges gilt übrigens auch für den zivilrechtlichen Bereich, für den Frank Teckemeyer darüber hinaus zuständig ist. Auch bei Problemen mit Verträgen wie etwa Verkäufen oder Mietverhältnissen und Schadensersatzansprüchen aus Unfällen sind die Grabenkämpfe eher die Ausnahme. Sie kämen am ehesten bei Nachbarschaftsstreitigkeiten vor, die aber weniger als zehn Prozent aller 1200 Verfahren in diesem Bereich ausmachten. Dennoch liege in den „spektakulären“ Fällen die Ursache oftmals in persönlichen Bereichen und weniger im Laub des Kirschbaums vom Anrainer. Solche Fälle eignen sich unter Umständen für eine Mediation, die das Amtsgericht aber mangels eigenem Mediator an das Landgericht abgibt.

Frank Teckemeyer ist darüber hinaus Pressesprecher des Amtsgerichts Bad Iburg. Er muss in dieser Funktion beispielsweise klarstellen, wie der Richter tatsächlich entschieden hat, wenn ein Wochenmagazin – wie schon geschehen – titelt „Amtsgericht Bad Iburg schickt geschiedene Frau auf den Strich“, oder erläutert Medienvertretern, wieso ein Bücher schreibender Bankräuber, statt ins Gefängnis zu gehen, mit einer Bewährungsstrafe davonkommt.

Richter zu werden ist nicht ganz einfach. Zunächst erfordert es den Nachweis solider juristischer Kenntnisse, die mit dem guten Abschluss eines Jurastudiums nachgewiesen werden. Heutzutage ist dann nach einer Bewerbung beim Oberlandesgericht ein Assessmentcenter zu absolvieren, bei dem auch menschlich geeignete Kandidaten herausgefiltert werden sollen.

Nach der anschließenden Ausbildung sind angehende Richter zunächst als Assessoren ohne feste Planstelle tätig und können währenddessen an verschiedenen Orten eingesetzt werden. Dennoch mag auch Frank Teckemeyer seinen Beruf, denn „auch wenn man hier zügig arbeiten muss, weil nur schnelles Recht auch gutes Recht ist, handelt es sich nicht um Fließbandarbeit, und jeder Fall ist anders“.