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„Sogar das Gras war grüner!“

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Ost oder West – das spielt keine Rolle mehr: Zu diesem Ergebnis kamen die Schüler der Fachschule Wirtschaft an der BBS Pottgraben. Von links: William Chitangala, Kim Spengemann, Katja Bender, Lucas Witte und Nadine Meckfessel. Foto: Jörn MartensOst oder West – das spielt keine Rolle mehr: Zu diesem Ergebnis kamen die Schüler der Fachschule Wirtschaft an der BBS Pottgraben. Von links: William Chitangala, Kim Spengemann, Katja Bender, Lucas Witte und Nadine Meckfessel. Foto: Jörn Martens

Mauer, Trabi, FDJ – in der Wahrnehmung junger Leute ist die DDR manchmal so weit entfernt wie die Französische Revolution. Schüler aus der 12. Klasse der Fachhochschule Wirtschaft der BBS Pottgraben haben 20 Jahre nach dem Mauerfall ehemalige Übersiedler aus der DDR interviewt. Die Ergebnisse stießen auch in Greifs wald auf Interesse.

Dass es den naiven Glauben an den „goldenen Westen“ bei vielen DDR-Bürgern einmal gegeben hat, schimmerte in den Gesprächen immer wieder durch. Sehr zur Verwunderung der Berufsschüler, die mit ihren 18 Jahren schon sehr genau hinsehen müssen, um die Unterschiede in Ost und West aufzuspüren.

Christine Haferung (heute 55) hat den Berufsschülern berichtet, dass sie in Dresden ohne Westfernsehen zwar wenig mitbekommen habe vom Leben jenseits der innerdeutschen Grenze. Aber auch dass sich das Gefühl, eingesperrt zu sein, immer beklemmender auf ihre Seele gelegt habe. Ihre beiden Kinder gingen in den 80er-Jahren zu den Jungen Pionieren und zur Freien Deutschen Jugend (FDJ), weil die Familie sonst Nachteile erwartete.

Als Bekannte von Christine Haferung Ausreiseanträge stellten, wollten auch sie und ihre Familie nicht mehr in der DDR leben. Aber die Behörden versuchten, sie umzustimmen. Als 1989 die Mauer plötzlich offen war, ging sie nach Osnabrück. Und war ganz entzückt vom Glanz des Kapitalismus. Ihre damalige Stimmung hat sie den Schülern mit einem schönen Zitat ausgedrückt: „Sogar das Gras war grüner!“

Ungläubig hörten sich die Schüler auch die Schilderungen der etwas jüngeren Zeitzeugin Corinna Wisniewski (41) an. Die Bürokauffrau gestand, sie habe damals sogar Angst vor dem Westen gehabt. Im Großen und Ganzen sei sie mit dem Leben in der DDR ganz zufrieden gewesen. Aber im Westen gab es etwas, was die sozialistische Planwirtschaft nicht kannte: „Die hatten Blumen. In der DDR gab es die nicht im Winter.“ Und die Zeitungen waren bunter, es gab mehr zu kaufen – und man konnte sich frei bewegen.

Verwundert stellten die Schüler vom Pottgraben fest, dass die Westbürger beim Stichwort DDR sofort an Mauer, Trabi und Stasi dachten. Wer den Alltag im zweiten deutschen Staat kannte, verbindet damit eher Begriffe wie Zusammenhalt, unbeschwerte Kindheit und Arbeitsplatzsicherheit. Negativ wurde aber häufiger vermerkt, dass sich aus Angst vor Bespitzelung kein Vertrauen untereinander eingestellt habe.

Bei einem Besuch in ihrer Partnerschule, der BBS Greifswald, waren die Osnabrücker Schüler und Lehrer überrascht, wie aufmerksam ihren Beschreibungen zugehört wurde. Zur Begegnung gehörte ein Gespräch mit zwei Männern aus Greifswald, die von ihrer persönlichen DDR-Vergangenheit berichteten. Einem der beiden wurde auch die Frage gestellt, ob er denn während seiner Zeit bei der Nationalen Volksarmee (NVA) an der Grenze auf Flüchtende geschossen habe. Nein, lautete seine Antwort, man könne ja auch danebenschießen.

Mit Erstaunen vernahmen die Schüler, dass sich die Zeitzeugen, die im Osten geblieben sind, nicht durch Mauer und Stacheldraht beeinträchtigt gefühlt hatten. Beim Anblick einer Fotodokumentation vom grauen, zerbröselnden Greifswald um 1990 wunderte sich eine Lehrerin: „So haben wir gelebt? Das haben wir längst vergessen!“

William Chitangala, Schüler der BBS Pottgraben, drückte das Empfinden aus Sicht der 18- bis 20-Jährigen aus: „Für die Schülergeneration heute gibt es gar nicht mehr Ost und West!“


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