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Bauarbeiten sind zugleich eine Entdeckungsreise

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Gab es einen Geheimgang von der ehemaligen Vikarie an der Ostercappelner Windthorststraße zur gegenüber liegenden St.-Lambertus-Kirche? Bei der Restaurierung des Gebäudes haben die Arbeiter zumindest im Keller eine potenzielle Zugangspforte entdeckt. Ob nun Geheimgang oder nicht - ein gangbarer Weg existiert nicht (mehr).

Die Vikarie wird, wie berichtet, Sitz der Regionalstelle Hartz IV. Die Komplettsanierung hat vor kurzem begonnen. Bis zum 1. Juli soll das historische Gebäude bezugsfertig seien. Die Vikarie war, wie der Name bereits sagt, einst Wohnsitz eines Vikars. Das Haus hat der Domherr Klecker 1695 der katholischen Kirchengemeinde gestiftet. Erbaut wurde es einige Jahre vorher, nämlich 1678. Verschiedene Nutzungen folgten im Laufe der Jahrhunderte. Seit 1978 stand die Vikarie leer und verfiel zusehends.

Mit der MaßArbeit des Landkreises Osnabrück ist in wenigen Wochen schon eine Menge bewegt worden. Die Mitarbeiter haben das Gebäude "entrümpelt" und leisten wichtige Vorarbeiten für die weitere Sanierung. "Sämtliche Aufträge sind inzwischen vergeben", so der Architekt Helmut von der Heyde; und zwar an heimische Handwerksbetriebe.

In der Diele sieht es schon wieder relativ wohnlich aus. Das Fachwerkgerüst steht und lässt erahnen, wie der künftige Innenraum gestaltet werden soll. Ein großes Problem war der Giebel, berichten von der Heyde und Bürgermeister Rainer Ellermann.
Das marode Dach drückte das Mauerwerk regelrecht aus seiner Verankerung. Die Bauarbeiter machten noch eine weitere Entdeckung: Sie fanden die Überreste eines mittlerweile nahezu pulverisierten Eichenbalkens, der als Stütze beim Hausbau eingezogen worden war. Dieser ist nun durch einen Stahlbetonbalken ersetzt worden. Ein Kamin, der Ende des 19. Jahrhunderts eingebaut wurde, wird ebenso in Stand gesetzt und ist ein Blickfang im Erdgeschoss. Im Keller werden Heizungsanlage, Archiv und Lagerräume untergebracht. Die Mitarbeiter der künftigen Regionalstelle nutzen das Erdgeschoss und die erste Etage.

Eine Herausforderung für den Architekten stellt die Fußbodenerneuerung dar. In der Vikarie kommt ein noch junges Verfahren zur Anwendung. Bevor die Platten verlegt werden, legen die Handwerker eine Art Teppich aus Millcell. Das ist ein besonderer Glasschaum, der aus gemahlenem Deponie-Altglas hergestellt ist. Das Produkt ist ökologisch, belastbar und wärmedämmend - mithin also heizkostensparend.

Das Gebäude steht unter Denkmalschutz. Entsprechend anspruchsvoll ist die Wiederherstellung. Der Charakter des Haus soll bewahrt bleiben - auch wenn die Nutzung eine völlig neue sein wird. Dr. Volker Gläntzer vom Landesamt für Denkmalpflege hat ein Gutachten verfasst.

Das Amt unterstützt die Initiative der Gemeinde zur Sanierung "mit allem Nachdruck". Bei der Vikarie handelt es sich nämlich um das älteste Wohnhaus in der Ortschaft, das zudem als massiver Vierständerbau auch überregional von großer baugeschichtlicher Bedeutung sei. Ein Brunnen, sorgfältig aus Bruchsteinen geschichtet, befand sich im Dielenraum. Diese Bauwerk entdeckten Architekt und Mitarbeiter ebenfalls zu Beginn der Sanierung. Wie Gläntzer bestätigte, war ein solcher innerhäusiger Brunnen ungewöhnlich. Die Vikarie war zwar Wohnsitz eines Vikars, aber doch zugleich auch eine bäuerliches Wirtschaftsgebäude mit Kühen, Schweinen und Pferden, Vorratslager, Heuboden und anderem mehr.

Bis zum 1. Juli gibt es an der Windthorststraße noch jede Menge zu tun. Im Gebäude und auch außen. Die Pläne gehen noch weiter. Das "Ödland" hinter dem Haus könnte in einen Bauerngarten gestaltet werden, um das Projekt abzurunden.


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