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Eine kleine Straße für die große Liebe

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„Hollywood ist ein Ort, wo sie dir 50 000 Dollar für einen Kuss und 50 Cent für deine Seele zahlen“, soll Marilyn Monroe einmal gesagt haben. Da wäre die Schauspielerin doch besser nach Bad Essen gekommen. Denn im Kurort am Fuße des Wiehengebirges kann man sich noch umsonst küssen, und das sogar in einer eigenen Straße.

Die „Kussallee“, die von der Lindenstraße (Ecke Nikolaistraße) abzweigt, ist wahrlich ein romantisches Gässchen, mit Kopfsteinpflaster, Mauern und Hecken, die vor neugierigen Blicken schützen.

Wer in Bad Essen eine erste Verabredung mit seinem Schwarm hat, kann also erst zum gemütlichen Essen beim Italiener nebenan oder in einem anderen Restaurant einkehren und dann zum Küssen auf Freiersfüßen die Kussallee durchschreiten.

Die Allee ist allerdings vielmehr ein Gässchen und hieß auch früher gar nicht so, weiß Hermann Dierker, der langjährige Ortsbürgermeister von Eielstädt und stellvertretende Bad Essener Gemeindebürgermeister, zu berichten: „Dieser Weg wurde ab 1900 als Verbindungsweg zur Kirche St. Nikolai genutzt“, sagt der Heimatforscher.

Die evangelischen Christen, die aus Schledehausen zum Gottesdienst kamen, oder die Bürger vom Essenerberg nutzten das Gässchen als willkommene Abkürzung über den Meyerhof: „Offiziell war das der Meyerhofweg“, sagt Dierker.

Erst nach dem Zweiten Weltkrieg habe sich der Begriff Kussallee eingebürgert. Wohl nicht ohne Grund: Rita Wehr, die regelmäßig Ortsführungen in Bad Essen anbietet, ist der Weg noch in guter Erinnerung: „Wer vom Sonnenwinkel oder vom Waldhotel in den Ort wollte, ging da lang“, erinnert sie sich. Wenn man ein Pärchen aus dem Gässchen kommen sah, wusste man schon Bescheid. In den 50er-Jahren war es dort schließlich unbeleuchtet, und es gab auch eine Bank: „Den Namen Kussallee finde ich köstlich, aber seit der da dransteht, küsst sich dort kaum jemand mehr!“, sagt sie mit einem Lachen.

Ob am heutigen Valentinstag, dem Tag der Verliebten, wohl viel Betrieb auf der Kussallee ist?

„Von hier aus kann man leider nicht viel sehen“, sagt Marion Ballmeyer-Storck, die in der schräg gegenüberliegenden Alten Apotheke arbeitet. Auch Max Bartels vom Möbelhaus am Kirchplatz war noch nie Augenzeuge zärtlichen Austausches: „Wir wohnen hier schon 50 Jahre“, sagt er.

Martina Schlüter kann bestätigen, dass die Kussallee immer noch zweckmäßig genutzt wird: „Im Sommer ist da viel los“, hat sie beobachtet. Sie arbeitet in der Bäckerei Titgemeyer, die direkt neben dem Eingang zu dem Gässchen mit dem ungewöhnlichen Namen liegt: „Die Leute stellen sich unter das Schild für ein Foto und küssen sich“, berichtet sie. Das wird Martina Schlüter am Valentinstag nicht tun: „Wir schenken uns eine Kleinigkeit“, erzählt sie mit einem Lächeln. Und abends geht es mit Gatte Frank zu einem schönen Essen.


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