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Mit dem Stimmzettel an die Macht

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„Adolf Hitler Reichskanzler“, so titelte am 31. Januar triumphal die auf den Kurs der Nationalsozialisten eingeschwenkte „Osnabrücker Zeitung“ und brachte am Folgetag noch einmal einen ausführlichen Bericht von Fackelzug und Kundgebung in der Stadt.

3000 sollen an diesem Abend durch Osnabrück gezogen sein. Gegen 22 Uhr fand die Abschlusskundgebung auf dem Ledenhof statt, es sprachen Standartenführer Dr. Marxer und Parteigenosse Gronewald. Zwischen den Zeilen ist bereits drohend zu lesen, was kommen sollte: „Der Rücktritt unseres Führers geht nur über unsere Leichen. Wo der Führer steht, wird er bleiben. Wir haben nicht 15 Jahre gekämpft, um zu verzichten!“

Noch herrschte zwar Pressefreiheit in Deutschland: Das bürgerlich-demokratische „Osnabrücker Tageblatt“ berichtete eher nüchtern und kommentarlos über die Ernennung Hitlers zum Reichskanzler. Für die dem katholischen Zentrum nahe „Osnabrücker Volkszeitung“ dagegen schien es die NSDAP auf Ortsebene gar nicht zu geben: Keine Zeile vom Fackelzug des 30. Januar.

Dabei waren die Nazis auch in Osnabrück an die Macht gewählt worden. Bei der Landtagswahl 1932 – im ganzen Deutschen Reich gab es zu dieser Zeit sechs Millionen Arbeitslose, in Osnabrück bezog ein Viertel der Bevölkerung staatliche Unterstützung – bekamen sie immerhin 36,6, bei der Reichstagswahl dann 35,8 Prozent der Stimmen.

Aber die Gleichschaltung setzte umgehend ein: Am 21. Februar wurde bereits die sozialdemokratische „Freie Presse“ verboten, am Tag vor der letzten halbwegs freien Kommunalwahl (12. März) das Gewerkschaftshaus von den Nazis besetzt. Ob überzeugt oder unter Zwang – bei dieser letzten „freien“ Wahl schickten die Osnabrücker 19 Nationalsozialisten ins Stadtparlament, elf Sozialdemokraten, neun Zentrumsvertreter und zwei Kommunisten bildeten die Opposition.

Und vor dem „Braunen Haus“, der Villa Schlikker am Heger-Tor-Wall, bildeten sich in jenen Tagen lange Schlangen. „Bis 24 Uhr in der Nacht“, so erinnerte sich der Zeitzeuge Georg Kruezmann später, wurden jetzt die Anträge der neuen Parteigenossen entgegengenommen.


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