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Demonstrationen gegen Schönefelder Airport BBI Flugrouten durchkreuzen die Wünsche vieler Berliner

Von Peter Gärtner

Berlin. Immer wieder montags. Erst waren es nur einige Dutzend Bürger, die sich am S-Bahnhof Lichtenrade versammelten. Am vergangenen Montag kamen bereits 2000 aufgebrachte Anlieger zusammen, um gegen die Flugroutenplanung zum künftigen Airport Berlin Brandenburg International (BBI) zu protestieren. Für den gestrigen Abend erwartete die Initiative gegen Fluglärm Lichtenrade/Mahlow-Nord noch mehr Montagsdemonstranten. Auch in Berlin-Wannsee, -Zehlendorf, -Marienfelde, -Lankwitz, im brandenburgischen Stahnsdorf, Kleinmachnow und Zeuthen wollten sich wütende Anwohner treffen, um ihre Proteste zu bündeln.

Seit die Deutsche Flugsicherung (DFS) vor gut einem Monat die Routenplanung für den neuen Schönefelder Großflughafen vorstellte, brodelt es im Südwesten der Hauptstadt und im angrenzenden Umland. Binnen kürzester Zeit gründeten sich knapp 30 Bürgerinitiativen. Denn nach den bisherigen Plänen werden mit der für den 3. Juni 2012 geplanten BBI-Eröffnung auch Berliner Stadtteile und Brandenburger Orte überflogen, deren Bewohner sich dies bislang nicht einmal im Traum vorstellen konnten. Besonders lautstark zeigt sich die bürgerliche Flugabwehr in Berlins begütertstem Bezirk Steglitz-Zehlendorf. Zwar demonstrieren die Hauptstädter und Brandenburger zusammen, aber nicht vereint.

Alle fordern den Schutz vor Fluglärm. Doch während die Berliner lediglich andere Routen verlangen, stellen die märkischen Anlieger-Gemeinden den gesamten BBI-Standort infrage. So fordern Teltow, Stahnsdorf und Kleinmachnow nach Stuttgarter Vorbild inzwischen einen sofortigen Baustopp. Brandenburgs Regierungschef Matthias Platzeck (SPD) hält den Vergleich mit der Bahnhofsverlegung in Stuttgart für absurd. Der Schönefelder Flughafen sei bereits in der letzten Bauphase. Und Berlins Regierender Bürgermeister Klaus Wowereit konnte sich einen Seitenhieb auf die protestierenden Bürger nicht verkneifen: Jeder möchte stadtnah fliegen, „aber keiner möchte betroffen sein“. In diesem Zusammenhang erinnerte er daran, dass das gescheiterte Volksbegehren für die Offenhaltung des Flughafens Tempelhof vor gut zwei Jahren von besonders vielen Bürgern im Südwesten der Stadt unterstützt wurde.

Obwohl das erste Treffen der unterschiedlichen Initiativen aus den betroffenen Regionen eher der Versuch einer Annäherung war, nehmen die Landesregierungen den Protest sehr ernst. „Schönefeld soll kein Stuttgart werden“, heißt es im Roten Rathaus wie auch in der Potsdamer Staatskanzlei. Denn es geht um mehr als 400000 vom künftigen Fluglärm allerdings höchst unterschiedlich betroffene Anlieger. Platzeck und Wowereit suchten bereits den Dialog mit den Fluglärm-Gegnern. „Nicht optimal“ seien die Routen über dem Stadtgebiet, räumte Berlins Regierungschef ein. Doch Flughöhen zwischen 2000 und 3000 Metern führten kaum zu einer substanziellen Belastung.Auf zahlreiche Brandenburger Gemeinden und den Südosten Berlins wird bei Flughöhen von 600 bis 1500 Meter weitaus mehr Lärm zukommen. Zu festen Versprechen ließen sich Wowereit und Platzeck bislang aber nicht hinreißen. In den Berliner Blättern gibt es derzeit kein Thema, was die Einheimischen mehr beschäftigt. Da melden sich frisch gebackene Hausbesitzer zu Wort, die über „falsche“ Karten des BBI-Schallschutzgebiets klagen. Eigentümer aus Wannsee, Diedersdorf und Mahlow werfen den Landesregierungen, die seit über 16 Jahren den neuen Großflughafen planen, plötzlich „politische Willkür“ vor. Andere wittern düstere Verschwörungen gegen die betroffenen Brandenburger: Ministerpräsident Manfred Stolpe (SPD) sei bei der Entscheidung für Schönefeld von Berlins Regierungschef Eberhard Diepgen und Bundesverkehrsminister Matthias Wissmann (beide CDU) über den Tisch gezogen worden, obwohl sich nach allen Untersuchungen der stadtfernere Standort Sperenberg als der am besten geeignete darstellte. Nur ganz wenigen gelingt der Blick über den eigenen Tellerrand. So erinnert ein Berliner daran, dass der Lärm der innerstädtischen Flughäfen Tempelhof und Tegel „jahrzehntelang ohne ein Murren ertragen worden ist“. Doch diese Zeiten sind auch an der Spree vorbei.