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Dani Levy legt eine Satire über das Filmgeschäft vor – und klagt über entwürdigende Kämpfe ums Geld Kino als Krisenerfahrung

Von Daniel Benedict


Berlin. Dani Levys Komödie „Alles auf Zucker!“ gewann den Deutschen Filmpreis, mit „Mein Führer“ bescherte der Sohn aus jüdischem Hause dem Kino eine weitere Debatte über die Darstellbarkeit der NS-Verbrechen. Nächste Woche bringt er eine selbstironische Satire über das Filmgeschäft ins Kino: „Das Leben ist zu lang“ erzählt von dem verkrachten Filmemacher Alfi Seliger (Markus Hering), dessen Eheleben genauso gefährdet ist wie sein islamkritisches Projekt „Mohahamed“. Bevor Levy seine Arbeit am Samstag in Osnabrück vorstellt, sprach der 52-Jährige mit unserer Zeitung über Finanzierungsnöte, die Tragikomödie seines Lebens und den Dreh mit seiner Tochter und Yvonne Catterfeld.

Herr Levy, Ihre Hauptfigur ist Regisseur und plant einen Film über die Mohammed-Karikaturen. Ist „Mohahamed“ ein Film, den Sie selbst gern gedreht hätten?

Wenn Sie mich so ehrlich fragen, gebe ich Ihnen auch eine ehrliche Antwort: Ja. Kann schon sein. Aber ich würde mich nicht in Gefahr begeben. Die Zeichnungen waren eine bewusste Provokation, und die Muslime sind leider tatsächlich in die Falle getappt. Schade. Mit dem Streit stand der Humor auf dem Prüfstand: Darf man nun über andere Kulturen und Propheten lachen oder nicht? Das wäre sicherlich ein interessantes Thema für einen Film, aber ich glaube, es wäre nicht einfach.

Haben Sie andere gefährliche Projekte auf Lager, die niemand finanziert?

Ich bin von waghalsigen Produzenten umgeben, die meine etwas eigenartigen Filme unterstützen. Kino muss sich um Tabus kümmern. Filme können aufklären, vor allem Komödien.

Ihre Hauptfigur Alfi Seliger ist weniger optimistisch. Der erlebt das Filmgeschäft als einzige Krisenerfahrung.

Filmemachen ist sicherlich immer wieder eine Krisenerfahrung. Alfi Seliger möchte – genau wie ich – auf der Leinwand ein Stück Wahrheit über das Leben erzählen. Aber gleichzeitig wissen wir: Alles, was wir machen, ist künstlich hergestellt und hat mit Wahrheit so direkt nichts zu tun. Aber das Publikum liebt im Kino die trügerische Illusion. Wahrheit haben sie in ihrem Leben genug.

Damit machen Sie ja nun Schluss: Ihr Film ist ein einziger Illusionsbruch.

Das kann man so nicht sagen. Der Film setzt sich mit sich selber auseinander, auf sehr lustige Art. Der Film verlässt eine Ebene und purzelt auf eine neue, wie in einem Traum. Da wechseln wir Realitäten auch völlig anarchistisch.

Im Film geht das so weit, dass Sie selbst in die Handlung eintreten – nur um sich mit Ihrer eigenen Figur über die Geschichte zu streiten. Alfi Seliger meint, sein Leben ist ein schlechter Film. Imitiert das Leben wirklich schlechte Filme?

Oder auch gute. Zumindest empfindet man es so. Manche glauben, ihr Leben sei ein Bergman-Film, der sowieso nicht gut ausgeht. Andere sagen, mein Leben ist eine Komödie. Der Dritte fühlt sich wie in einer schlechten Soap. Wir leben in einer Zeit, in der unser Bild der Wirklichkeit extrem durch die Medien geprägt ist. Für viele ist es verwirrend, sich da zurechtzufinden: Was ist eigentlich mein eigenes Leben? Ist unser Leben nur ein Abklatsch? Es ist wie in der chinesischen Geschichte: Ein Schlafender weiß nicht mehr: Träumt er von einem Schmetterling? Oder träumt der Schmetterling, dass er ein Mensch ist?

Welchem Genre ordnen Sie Ihr Leben zu?

Tragikomödie. Filmemacher erzählen in dem Genre, das sie selber leben.

Die Selbstthematisierung des Films im Film hat Vorbilder: Fellinis „8½“, Allens „Stardust Memories“. Inspiriert oder hemmt Sie das?

Beides. Ich liebe solche Filme. Auch Truffauts „Amerikanische Nacht“, den letzten Almodovár oder die Filme von Nanni Moretti. Gleichzeitig ist es eine Bürde. Diese selbstspiegelnden Filme haben keinen leichten Stand. Manche denken: Was gehen mich die Sorgen von Filmemachern an? Ich glaube aber, die meisten Menschen haben einen starken Hang zur Selbstreflexion. Alfi Seliger durchlebt in dieser Komödie eine Abenteuerreise, die wir alle irgendwie kennen.

Fellini und Allen erzählen in hochstilisierten Bildern von hohen Erwartungen an die Kunst und die Liebe. Ihr Held will vor allem erst mal seine Ehe auf die Reihe kriegen. Ein deutlicher Unterschied im Temperament – auch in dem der jeweiligen Filmindustrie? Ist das deutsche Kino kleinbürgerlich?

Ich wollte einen Künstler zeigen, der mit gewagten Ideen in eine Zeit platzt, die auf Sensation aus ist und trotzdem Angst vor Tabubrüchen hat. Und mich beschäftigt der Konflikt zwischen der Leidenschaft, Kunst zu machen, und der Aufgabe als Familienvater. Das ist ja auch mein Problem. Wie kriegen andere Künstler das auf die Reihe? Mich zerreißt das. In der Frage nach der Kunst geht es mir nicht so sehr um Produktionsbedingungen, sondern um grundsätzliche Zweifel zum Schein und Sein des Kinos: Wie kann es sein, dass ich Lügen erfinde, dass der Zuschauer im Kino die Illusion sucht – und dass am Ende doch etwas Wahrhaftiges dabei rauskommt? Aber trotzdem haben Sie recht: Es geht in Deutschland schon provinzieller zu als im amerikanischen Film.

Sie haben Ihre eigene Tochter besetzt. Macht man sich da als Vater nicht erpressbar? Nach dem Motto: Mehr Taschengeld oder ich schmeiße alles hin!

Hannah hat mich überrascht. Instinktiv hat sie verstanden, dass sie am Set nur ein Teil eines Ganzen ist. Im Gegensatz zum Familienleben, wo Kinder erst mal nur sich selbst sehen.

Sie haben immer wieder, auch diesmal, jüdische Themen in Ihren Filmen. Ist jüdischer Humor eine Sache des Stoffs oder verbinden Sie mehr mit dem Begriff?

Ich glaube, das Jüdische wird immer in meinen Filmen sein. Und es müssen dafür nicht unbedingt jüdische Figuren auftauchen. Für mich hat es auch zu tun mit der Liebe zu den Widersprüchen, mit tragikomischen Verwicklungen, mit Surrealität und dem Misstrauen gegenüber der Realität. Das kommt, glaube ich, aus einem jüdischen Kopf, aus einer jüdischen Kultur heraus. Die Kunst, die bei den Nazis als entartet gebrandmarkt wurde, hat ja auch gerade die Widersprüche, manchmal auch das Kranke umarmt – weil man gesagt hat: Das gehört auch dazu. Das Leben ist nicht nur eine Heldengeschichte, das Leben kennt auch Verlierer und Schattenseiten und Probleme.

Anders als Ihre Hauptfigur Alfi Seliger sind Sie Ihr eigener Produzent.

Und trotzdem muss ich bei der Finanzierung von Pontius zu Pilatus gehen und mich mit skeptischen Redakteuren streiten. Ich werde von Förderinstitutionen abgelehnt, muss in den Widerspruch gehen und noch einen netten Brief schreiben. Es ist nicht so, dass ich das nicht kennen würde. Manchmal scheitere ich auch böse. Gerade bei „Alles auf Zucker!“ war es ein Kampf über Jahre.

„Alles auf Zucker!“ war doch sehr erfolgreich.

Aber am Anfang habe ich ablehnende Briefe aus Fernsehredaktionen bekommen: Wir machen keine Minderheitenprogramme! Natürlich ist meine Situation privilegiert; trotzdem kenne ich auch den Kampf bis in die Entwürdigung hinein. Auch „Das Leben ist zu lang“ war kurz vor dem Scheitern.

Trotz prominenter Namen wie Gottfried John, Veronica Ferres, Heino Ferch, Udo Kier, Yvonne Catterfeld?

Trotzdem. Den Film wollte zum Beispiel mein Haussender, der WDR, nicht machen.

Der Kampf vor dem Film ist die Finanzierung, danach kommt die Kritik.

Und die geht mir sehr zu Herzen. Was über meine Filmkinder geschrieben wird, geht mir näher, als mir recht ist. Eigentlich schlafen Filmemacher und Journalisten im gleichen Bett. Trotzdem fühle ich mich irgendwie ausgeliefert. Ich gebe viel von mir preis und bin nicht immer gut behandelt worden. Aber: Wenn sie mit Leidenschaft fürs Kino geschrieben ist, hat Kritik ihre absolute Berechtigung.Film-Event des Monats: Am Samstag, 21. 8., 19 Uhr stellen Dani Levy und sein Hauptdarsteller Markus Hering ihren neuen Film im Osnabrücker Cinema-Arthouse im Publikumsgespräch vor. Karten unter 0541/600650.

Film-Event des Monats:

Am Samstag, 21. 8., 19 Uhr, stellen Dani Levy und sein Hauptdarsteller Markus Hering ihren neuen Film im Osnabrücker Cinema-Arthouse im Publikumsgespräch vor. Karten unter 0541/600650