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„Ich bin genügsamer geworden“ Sebastian Nehrdich aus Gehrde radelte eineinhalb Jahre durch die Welt

Von Anja Polaszewski

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pola Gerhde. „Ehrlich gesagt war der erste Tag der schwierigste der ganzen Reise“, erzählt Sebastian Nehrdich. „In dem Moment, als ich mit dem Fahrrad von Gehrde losfuhr, wusste ich nicht, was auf mich zukommen würde. Man macht sich da vorher seine Gedanken.“ Der 22-Jährige spricht von seiner Radtour quer durch die Welt: Seine Route führte ihn über Osteuropa nach Griechenland, in die Türkei, in den Iran, nach Pakistan bis hin nach Indien undNepal.

Hier war Endstation, er nahm in Katmandu den Flieger zurück nach Deutschland. „Vorn und hinten am Rad hatte ich je einen Gepäckträger, auf denen ich das Wichtigste verstaute“, erzählt Sebastian. „Darunter ein Zelt, einen Schlafsack, eine Isomatte, einen Kocher und ein paar Wechselklamotten. Ach ja: und eine EC-Karte. Mehr braucht man eigentlich nicht.“

Wie kam der junge Mann eigentlich auf die Idee, eine so abenteuerliche Radtour zu unternehmen? „Ich fahre seit langem gern Rad und bin schon bis ans Mittelmeer gereist. Da dachte ich, wenn ich es bis dorthin geschafft habe, schaffe ich es vielleicht bis nach Indien.“ Mit Indien verbindet Sebastian Nehrdich ohnehin viel. „Ich kannte das Land vorher zwar nicht, aber ich habe einen Kurs über Stille Meditation in Belgien gemacht, die ursprünglich aus Indien stammt. Darüber wollte ich mehr erfahren.“ Indien bot sich also an.

Am 1. November 2010 geht es für Sebastian allein von Gehrde aus nach Lübeck, wo er seine Schwester besucht – und sich im Anschluss mit drei weiteren jungen Männern trifft, um gemeinsam mit ihnen loszuradeln. In Griechenland trennen sich ihre Wege: Zwei fahren weiter nach Italien, Sebastian und sein russischer Freund Viktor setzen mit der Fähre in die Türkei über. In Kurdistan besuchen sie Sebastians Vater, der zwischen Deutschland und dem Irak hin und her pendelt. „Er arbeitet für die Firma Deutag und ist abwechselnd einen Monat zu Hause, den anderen dann im Ausland.“ Sebastians Mutter ist zu diesem Zeitpunkt ebenfalls zu Besuch – Gelegenheit, eine dreiwöchige Verschnaufpause einzulegen.

„Im Januar 2011 sind Viktor und ich weiter in den Iran“, erinnert sich Sebastian. Dort hatte er dann seine erste – aber immerhin einzige– Fahrradpanne. „Ich bin etwas übermütig über eine Schotterstraße gebrettert, der Rahmen brach. Aber am Straßenrad habe ich einen Arbeiter gefragt, ob er ihn reparieren kann. Kurzerhand hat er den Rahmen zusammengeschweißt. Ich habe dafür vielleicht zwei Euro gezahlt. Das erlebt man hier in Deutschland nicht. Hier wird so eine Reparatur richtig teuer.“

Vom Iran aus reist der Weltenbummler allein weiter. „Viktor nahm spontan den Bus nach Kasachstan, um seine Wurzeln zu erforschen. Das war anfangs nicht geplant, hatte aber einen gewissen Reiz für mich.“ Es geht weiter über Turkmenistan, Usbekistan, Tatschikistan und Kirgististan bis nach China. „Landschaftlich fand ich China irgendwie nicht so toll – zumindest bei dem, was ich gesehen habe. Tatschikistan hingegen hat eine spektakuläre Landschaft.“

Von China radelt Sebastian weiter nach Pakistan – ganze drei Monate verweilt er dort. „Im Nachhinein kann ich sagen, dass mir Pakistan am besten gefallen hat. Die Menschen sind sehr gastfreundlich und herzlich, die Natur ist atemberaubend schön“, schwärmt der Gehrder. „Es wirkt wie ein verlassenes Paradies, es sind ja kaum Touristen dort.“

Im November 2011 erreicht Sebastian die indische Grenze. Die erste Stadt, die er dort sieht, ist Amritsar. „Ich ging davon aus, dass sich mir ein ähnliches Bild wie in Pakistan zeigen würde. Doch weit gefehlt: Indien war auf den ersten Blick schmutzig. So etwas hatte ich bisher noch nie gesehen.“

Er schaut sich den Golden Tempel an – die wichtigste heilige Stätte der Sikhs. Dann radelt er weiter über Rishikesh in den Bundesstaat Uttar Pradesh. Dort bleibt er eineinhalb Monate in einem Meditationszentrum.

„Ich habe da als freiwilliger Helfer unter anderem in der Küche mitgemacht. An diese Zeit erinnere ich mich gern zurück – wir waren eine gemischte Gruppe aus Einheimischen und ein paar Europäern. Und wir haben viel von- und übereinander gelernt.“

Endstation ist Nepal. Hier besucht Sebastian Nehrdich unter anderem Lumbini, den Geburtsort von Buddha – und lässt die Seele baumeln, meditiert einen Monat lang. „Das war auch mehr als nötig. Denn so eine Tour bringt psychisch und physisch eine Menge Strapazen mit sich.“

Seit zwei Wochen ist der angehende Musikstudent wieder in der Heimat. Gibt es eigentlich etwas, das er während seines Trips fürs Leben mitgenommen hat? „Oh ja, da gibt es viele Dinge. Doch das Wichtigste ist: Ich bin genügsamer geworden.“ Dann fügt der junge Mann hinzu: „Man braucht überhaupt sehr wenig, um ein zufriedenes Leben zu führen.“


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