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Der Herr der Systeme

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lieb warst Du eigentlich nie. Eher exakt und damit unweigerlich ein wenig kühl. Deine Nachbarn in Oerlinghausen werden Dir wohl nachgeschaut haben, als Du täglich Deinen Rauhaardackel ausgeführt hast. Unscheinbar musst Du gewirkt haben, wie ein Beamter der mittleren Ebene. Aber warst Du das nicht auch – ein Beamter im Dienst der eigenen Theorie, ein Verwalter der sozialen Netzwerke? Luhmann mit schmalem Mund über die Schubladen seines Zettelkastens gebeugt, Luhmann neben seinen Büchern, diesem Turm aus Texten, Luhmann als ewig grinsender „Buddha von Bielefeld“: Was für Bilder! Und welch ein Abgrund an Unnahbarkeit.

Natürlich würdest Du auch jetzt lächeln. Da schreibt Dir einer einen Brief, einfach so, als wären es immer noch Menschen, die miteinander in Kontakt treten. Ja, ich weiß, mein Schreiben selbst ist in Deinen Augen schon unstatthafte Komplexitätsreduktion und deshalb als glatter Stilbruch von vornherein durchgefallen. Was soll das schon sein: Mitteilung, Ausdruck, Statement? Bei Dir ist Kommunikation ein Treibstoff, der Systeme am Leben hält. Und die wiederum bestehen aus nichts als Kommunikationen, die sich unaufhörlich verketten. Akzeptanz, Ablehnung – egal. Es zählt der bloße Anschluss, das ewige Ticken des binären Codes.

Klingt das aus dem Abstand eines Jahrzehnts nicht auch in Deinen Ohren ziemlich kalt und funktionalistisch? Verzeih die Frage. Ich vergaß, dass es eigentlich der Mensch war, der Dir wirklich Probleme bereitete. Der war Dir immer zu nah und warm, zu nackt und klebrig. Ebenso wie die Theorien, die von ihm ausgehen. Interaktionismus, Handlungstheorie, gar Habermas’ gute, alte Lebenswelt? Jetzt schüttle Dich nicht so unwillig! Du warst nie in Utopien verliebt, sondern immer nur in das, was Du für den Skandal der Soziologie gehalten hast – dass sie die Gesellschaft verändern wollte, ohne zu erklären, wie sie funktioniert.

Während andere demonstrierten, in Kinderläden antiautoritär waren oder durch Institutionen marschierten, hast Du mit dem legendären Zettelkasten Deinen Giga-Rechner des Geistes aufgebaut, in den USA bei Talcott Parsons das Höhenklettern im Theoriegebirge geübt und Dich dann in Münster bei Helmut Schelsky – welch Paukenschlag – in nur einem Semester promoviert und habilitiert. Eine komplette Theorie der Gesellschaft wolltest Du schaffen. „Dauer: 30 Jahre. Kosten: keine“, hast Du noch auf ein einziges Blatt dazu geschrieben. Was für ein Lebensplan, was für eine Frechheit! Heute gäbe es dafür nicht einen müden Drittmittelgroschen.

Aber Du hast Wort gehalten. Erst „Soziale Systeme“, dann im strengen Zeittakt ein Buch nach dem anderen über Politik und Wissenschaft, Recht und Kunst, schließlich, geradezu pünktlich zum Lebens- und Dienstende, die „Gesellschaft der Gesellschaft“: Du musst unter all den Systemen, die Du analysiert hast, selbst das perfekteste gewesen sein. Dass Vollkommenheit andere nicht nur begeistert, sondern eher abkühlt, wirst Du als Preis für Deine Grenzerfahrung der Erkenntnis in Kauf genommen haben. Tröste Dich: Auch die Lektüre Deiner Texte verlangt einiges ab. Die Belohnung ist karg. Sie besteht in einer Belehrung, die uns kalt den Spiegel vorhält, in einer Analyse, die keine Hoffnung lässt. Deine Gesellschaft besteht nicht aus Menschen, sondern aus geschlossenen, weil spezialisierten Systemen. Nur so kann die moderne Gesellschaft immer neue Funktionen ausgliedern und immer leistungsfähiger werden. Das zentrale Problem: die Handhabbarkeit von Komplexität.

Das macht auch uns derzeit Sorgen. Komplexität fliegt uns gerade um die Ohren. Stell Dir vor: Die Ökonomie ist explodiert. Ob da ein System seine strukturelle Kopplung mit der Umwelt, sprich schlicht seine Bodenhaftung verloren hat? Leider kannst Du uns nicht mehr beistehen. Du sitzt wahrscheinlich im Jenseits wie in einer kuscheligen Lebenswelt – und grinst mal wieder. Wir haben Deine Botschaft ohnehin verstanden und machen uns an das, was allein noch hilft: Unsere Kommunikationen durchprüfen, Systemgrenzen checken, Leitdifferenzen testen – oder Habermas fragen. In Dankbarkeit verneigt sich

Stefan Lüddemann


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