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Werner Liebrich - Der vergessene Anti-Held

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Eisenbahnstraße 48, Kaiserslautern – hier steht das Werner-Liebrich-Haus. Natürlich kein Gedenk-, sondern ein Geschäftshaus in der belebten Einkaufsstraße mit zwei Läden im Parterre. In den vier Geschossen darüber sind drei Wohnungen vermietet. Die Besitzerin wohnt im obersten Stockwerk: Anne-Marie Liebrich, die 66 Jahre alte Witwe. Ihr Mann ist viel zu früh verstorben, am 20. März 1995 mit 68 Jahren nach mehreren Herzoperationen an Hepatitis C.

Über den vermieteten Ladenflächen, einer Toto-Lotto-Annahmestelle und einem Internet-Cafe steht immer noch auf voller Breite in schwungvoller Schreibschrift "Werner Liebrich". Obwohl die Halterung rostet und der im Dunkeln beleuchtete Namenszug etwas baufällig ist, wird Anne-Marie Liebrich dieses Andenken an den Stopper der Weltmeistermannschaft von 1954 bewahren, "solange ich lebe".

Die Erinnerung an ihren Mann wird sonst kaum gepflegt, nicht von der Stadt, nicht vom 1. FC Kaiserslautern und auch nicht vom DFB. Zum Neujahrsempfang der Stadt war ihr Mann zu Lebzeiten nie eingeladen worden. Eine Ehrenkarte für die Bundesligaspiele im Fritz-Walter-Stadion hat ihr der FCK nie zukommen lassen, auch nicht als ihr Mann noch lebte. Auf dem Betzenberg ist der Mittelläufer in der Bildergalerie auf den Fluren nur in den Mannschaftsfotos der Meisterjahre 1951 und 1953 und unter den Trainer-Köpfen verewigt. Für acht Spiele 1964/65 war Liebrich sogar Bundesliga-Trainer.

Noch nicht einmal zu seinem 75. Geburtstag vor zwei Jahren habe der DFB am Grab seiner gedacht, bedauert Frau Liebrich. Zu Fritz Walters Geburts- und Todestag legt der Fußball-Bund am Grabmal des Ehrenspielführers eine Gedenkschleife mit Blumengebinde nieder. "Am Grab meines Mannes aber schaut keiner vorbei. Dabei liegt es nur dreißig Meter entfernt. Fritz und Werner könnten sich unterhalten", sagt die Witwe, hält es aber wie ihr aufrechter Mann: "Was ich nicht bekomme, das verlange ich auch nicht." Das Motto passte zu seinem Charakter und seiner Bescheidenheit.

Werner Liebrich hatte es in seinem Leben weit gebracht, nicht nur als Fußballer, sondern auch vom Postbeamten zum Geschäftsmann. "Meine Erfolge als Fußballer haben mir geholfen, eine krisensichere Existenzgrundlage zu schaffen", hat er seinen gediegenen Wohlstand einmal genannt. Der rotblonde Mann war ein Schaffer. Hausbau, Vermietung der Wohnungen und Garagen, zwei Geschäfte, von denen die Toto-Lotto-Annahmestelle Bestand hatte. Im anderen Laden wechselten die Angebote vom Getränkeausschank zum Schuhverkauf. Und nebenbei arbeitete er als Jugend- und Amateurtrainer auf dem Betzenberg. An seinen 15-Stunden-Arbeitstagen zerbrach die erste Ehe.

Erinnerungsstücke an den 4. Juli 1954 fehlen in der Wohnung. Das war schon zu seinen Lebzeiten so. Schwärmerische Rückblicke an seinen "höchsten Tag als Fußballer" hatte er sich nicht erlaubt. "Mein Mann wollte kein Held sein. Er war eher Antiheld", sagt seine Frau. Alle Andenken bis hin zur Speisekarte von Spiez sind derzeit außer Haus, ausgeliehen an das Historische Museum der Pfalz in Speyer, wo bis zum 17. Oktober die guten Stücke in der Erlebnis-Ausstellung "Am Ball der Zeit – Deutschland und die Fußball-Weltmeisterschaften seit 1954" zu besichtigen sind.

Späte Ehre ließ die Ortsgemeinde Mehlingen dem Stopper zukommen. Der Beschluss des Gemeinderates vom 28. November 2000 lautete: "Die Straße im Bereich des Bebauungsplanes Trainingszentrum Kleiner Fröhnerhof wird Werner-Liebrich-Straße benannt."


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