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Als der "Filmdienst" noch vor Wut schäumte

Die Ausgebufften 20.45 Uhr Arte

Unerhört! Unverschämt! Darf man so etwas eigentlich? Auf der großen Leinwand zeigen, wie zwei Herumtreiber (Gérard Depardieu, Patrick Dewaere) nichts anderes tun, als Frauen zu belästigen, sogar junge Mütter, wie sie Autos klauen, einbrechen, "vandalieren" und wahllos mit jeder ins Bett hüpfen? Und die beiden auch noch - Gipfel der Geschmacklosigkeit - als Helden darstellen?

Doch, man durfte, zumindest in den 70er Jahren: "Effrayer la bourgeoisie - erschreckt das Bürgertum!" hieß schließlich bei vielen Intellektuellen das Motto jener Jahre, und auch Bertrand Bliers "Die Ausgebufften" schaffte das 1973 mühelos. Sehr zur Freude des Publikums, aber auch zum Ärger des gestrengen katholischen "Filmdienstes". Der schäumte damals vor Wut: "Ein oberflächlich-modischer, kaum witziger Sexfilm. Wir raten ab!"

Sex, Drugs and Rock 'n' Roll: Keine Frage, wohl nie zuvor (und selten danach) konnten sich Autorenfilmer auf der Spielwiese filmischer, sexueller und politischer Möglichkeiten so sehr austoben wie in den 70ern, und kein anderes Jahrzehnt gab sich im Kino so rebellisch und offenherzig. Grund genug für Arte, noch bis zum 22. Juli acht weitere cineastische Meisterwerke aus wilden zehn Jahren auszugraben.

Und die haben es in sich: Sei es, dass am 8. 7. in Roman Polanskis "Was?" (1972) eine junge Amerikanerin in die Fänge sexbesessener Nichtstuer (unter ihnen Marcello Mastroianni) gerät, oder in Marco Ferreris "Die letzte Frau" von 1975 (7. 7.) der Untergang des Mannes gefeiert wird, oder sei es, dass Pop-Idol David Bowie als Alien und androgyner "Mann, der vom Himmel fiel" (15. 7.) Frauen und Männer anzieht - stets werden Tabus gebrochen, neue Sichtweisen eingefordert, wild experimentiert. Wie auch die weiteren Filme der Reihe zeigen, etwa Barbet Schroeders Drogen-Drama "More" (30. 7.), Michelangelo Antoninis USA-Kritik "Zabriskie Point" mit der Musik von Pink Floyd (1. 7.), Barbara Lodens Frauenporträt "Wanda" (14. 7.) oder Milos Formans Hollywood-Version des Hippie-Musicals "Hair" (22. 7.).

Bunt, laut schräg! Ohne Zweifel: Viele der heutigen Filme dürften angesichts dieser Klassiker ganz schön alt aussehen.


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