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"Keilstück" darf bleiben

Dieser Stoßseufzer kommt von Herzen: "Ich bin einfach unglaublich erleichtert", sagt der Bildhauer Wilfried Hagebölling. Sein "Keilstück" darf bleiben.

Dabei hatte die Stadt Minden schon beschlossen, die einst einmütig in Auftrag gegebene, inzwischen aber ungeliebte Skulptur vom Martinikirchhof entfernen zu lassen (wir berichteten). Das Landgericht Bielefeld hatte den Abräumern im Februar noch Recht gegeben. Doch gestern untersagte das Oberlandesgericht (OLG) Hamm, die Skulptur zu entfernen. "Das ist ein guter Tag für die Kunst", kommentierte Städtebauminister Michael Vesper (Grüne) in Düsseldorf die Entscheidung.

Die Kommune wird nun gerichtlich gezwungen, das Kunstwerk zu respektieren. In seinem Entscheid (AZ 4 U 51/01) folgt das OLG der Argumentation des Künstlers. Hatte das Bielefelder Gericht noch dem Verfügungsrecht des Eigentümers der Plastik, also der Stadt, Vorrang eingeräumt, so wird nun das Urheberrecht in den Vordergrund gestellt. Als Urheber habe der Künstler das Recht, eine Beeinträchtigung seines Werkes zu verbieten, heißt es in einer Mitteilung des Gerichts. Mit der Entfernung vom Kirchhof werde die mit Ortsbezug errichtete Skulptur entstellt. Dies sei nicht hinzunehmen.

"Damit ist der Freiraum der Kunst gegen das Eigentumsrecht verteidigt", sagte Hagebölling auf Anfrage. "Der Spruch macht mich glücklich". Zufrieden mit dem Gerichtsentscheid zeigte sich auch Manfred Schneckenburger, der in der "Tageszeitung" vehement gegen die Pläne der Stadt Minden Stellung bezogen hatte. Bei einem anderen Spruch des OLG "hätte jeder abräumen können, wie er wollte", befürchtete der frühere Leiter der documenta 6 und 8. Hageböllings Werk sei eine "hervorragende Arbeit für den Ort", sagte Schneckenburger weiter auf Anfrage. Den Vergleich mit anderen Städten wollte er nicht ziehen. Vor allem der Abriss der Kasseler "documenta-Treppe" sei mit der Affaire um das "Keilstück" nicht zu vergleichen. Es sei auf jeden Fall unmöglich gewesen, mit dem Streit um die Skulptur Wahlkampf zu machen.

Genau dies war in Minden geschehen. Dort hatte die CDU versprochen, im Fall des Wahlsieges, das umstrittene Kunstwerk entfernen zu lassen. Entsprechend war beschlossen worden, das "Keilstück" auf den Bauhof der Stadt zu verbringen, nachdem Verhandlungen mit dem Künstler um eine Umsetzung gescheitert waren.

Inzwischen sind aus Minden moderatere Töne zu hören. Das weitere Vorgehen sei in den politischen Gremien zu klären, sagte der stellvertretende Leiter des Kulturamtes, Bernd Bornemann, auf Anfrage. Dort müsse auch entschieden werden, ob das Kunstwerk dennoch entfernt werde. "Eine zivilrechtliche Klage kann sich die Stadt aber nicht leisten", sagte Bornemann mit Blick auf das vom OLG Hamm angedrohte Ordnungsgeld sowie weitere mögliche Klagen des Künstlers.

Auf einhellige Zustimmung stiess das Urteil aus Hamm bei Museumskuratoren. Von einer "Entscheidung für die Kunst", sprach Dr. Karl-Heinz Brosthaus vom Skulpturenmuseum Glaskasten in Marl. Eine gegenteilige Entscheidung hätte einen unguten Präzedenzfall schaffen können. "Sehr schön", nannte Dr. Gerhard Finckh, Direktor des Museums Schloss Morsbroich in Leverkusen, den Spruch. Kunst dürfe nicht nach Belieben abgerissen werden. "Zumindest für die Lebenszeit des Künstlers muss eine solche Arbeit stehen bleiben". Über Kunst könne nicht nach jeder Wahlperiode neu entschieden werden, betonten Finckh und Brosthaus.


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