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Französische Journalistin macht den „Wallraff“: Skandalöse Erlebnisse als Putzfrau Wie ein Wischmopp unsichtbar macht

Von Birgit Holzer

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Auf den Spuren von Günter Wallraff nahm die französische Journalistin Florence Aubenas die Identität einer Putzfrau an, die sich durch ein prekäres Leben voller Demütigungen schlägt und eine ungeahnte Kollegialität kennenlernt. Nun erscheint ihr aufrüttelnder Erfahrungsbericht auf Deutsch.Paris. Es gab eine Zeit, als kaum ein Gesicht in Frankreich öfter zu sehen war als das von Florence Aubenas. Im Frühjahr 2005 hing das Bild der Journalistin, die bei einer Recherche im Irak entführt worden war, an den Rathäusern im ganzen Land. Nach fünfmonatiger Geiselhaft kam sie frei. Seitdem ist Aubenas berühmt – und doch hat sie es ganz leicht geschafft, sich unsichtbar zu machen. Es reichte, wenn sie einen Putzkittel überzog und einen Wischmopp in die Hand nahm.

Im vergangenen Jahr bediente sie sich der Selbstversuch-Methode des deutschen Enthüllungsjournalisten Günter Wallraff und schlüpfte für sechs Monate in die Haut einer Arbeitssuchenden ohne Ausbildung. „Putze. Mein Leben im Dreck“ heißt das aufrüttelnde Buch über diese Erfahrung in der jetzt erschienenen deutschen Version. In Frankreich hat es für großes Aufsehen gesorgt. Zu Recht.

In ihrer neuen Rolle sieht Aubenas die Menschen einer unerreichbar gewordenen Welt, der sie sonst selbst angehört, mit einem befremdeten Blick – und umgekehrt. Säubert sie Büros, versucht sie, nur ja nicht aufzufallen. Das gelingt ihr so gut, dass zwei Angestellte, die sich nach Dienstschluss allein glauben, übereinander herfallen, ohne Notiz von der peinlich berührten Reinigungskraft direkt neben ihnen zu nehmen: „Ich war für sie nicht mehr als eine Verlängerung des Staubsaugers.“, ein Ding, das Kittel und Gummihanschrug

Dabei ging es der 49-Jährigen die lange für die Tageszeitung „Libération“ arbeitete und heute für das Wochenmagazin „Le Nouvel Observateur“um mehr, als den Arbeitsalltag einer Putzfrau darzustellen. Aubenas wollte die Krise fassen, die in aller Munde und doch nicht greifbar war. Selbst erleben, wie sie sich anfühlt für die, die sie am brutalsten trifft. Also nahm sie unbezahlten Urlaub, zog ins nordfranzösische Caen, färbte ihre Haare und erfand ihre Biografie neu: Von jeher habe sie ihr Mann unterhalten, der sie nun verlassen habe. Kaum einer erkannte in der demütigenArbeitslosen ohne Ausbildung die angesehene Journalistin.

„Madame, Sie sind Bodensatz“, eröffnet ihr ein Beamter im Jobcenter. Die müssen Quoten erfüllen und haben keine Zeit für eine ausführliche Beratung. Doch als Raumpflegerin findet Aubenas Arbeit. Frühmorgens Büros, tagsüber einen Campingplatz und spätabends Toiletten auf der Fähre, immer nur ein paar Stunden. Oft ist die Fahrtzeit ebenso lang wie die Arbeitszeit. Ihre fünf Jobs bringen nie mehr als 700 Euro im Monat ein: „Man arbeitet ständig, ohne wirklich Arbeit zu haben, man verdient Geld, ein Auskommen hat man aber nicht.“

Doch die Regeln sind klar: Nie eine Stelle ablehnen, auch wenn der ganze Lohn fürs Fahrgeld draufgeht. Nie aufbegehren, selbst wenn der Boss die Putztruppe als „Deppenbande“ beschimpft. Doch es gibt auch Freuden: die unbedingte Kollegialität in der Misere. Die Kollegen, die jeden Tag neu auf einen Job hoffen, harte Arbeiten zu unmenschlichen Zeiten machen, ohne zu klagen – keine unmotivierten Drückeberger, sondern wahre Stehaufmännchen.Heute arbeitet Florence Aubenas wieder als Journalistin – und als Autorin, wenn sie eine Realität beschreiben will, die mit dem Mikrofon nicht zu fassen ist. Ihren Vorsatz hat sie trefflich eingelöst: die Unsichtbaren sichtbar machen, wenigstens einmal.


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