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Vor 65 Jahren fand in Lüneburg der erste große Kriegsverbrecherprozess nach dem Zweiten Weltkrieg statt Sühneversuch in umgebauter Turnhalle

Von dpa

Lüneburg. Eine gesichtslose Ecke mit Neubauten in Lüneburg – ein Sonnenstudio, ein Bowlingcenter, ein Matratzen-Outlet. Früher stand dort eine Turnhalle, 1976 wurde sie abgerissen. In der zum Gericht umfunktionierten Halle wurde 1945 erstmals versucht, die während der Nazi-Diktatur in den Konzentrationslagern begangenen Morde und Grausamkeiten juristisch zu sühnen.

Der Prozess gegen die Verantwortlichen des Lagers Bergen-Belsen in der Lüneburger Heide begann am 17. September 1945 und endete zwei Monate später, vor genau 65 Jahren. Die beiden Hauptverantwortlichen für die NS-Mordmaschinerie entzogen sich einige Monate zuvor durch Selbstmord der Verantwortung. Hitler erschoss sich in Berlin. SS-Chef Heinrich Himmler schluckte kurz darauf Zyankali – in Lüneburg, nur wenige Hundert Meter von der Turnhalle entfernt, wo die ersten ihrer Schergen vor Gericht kamen.

„Erstmals wurden die Systematik und das ganze Ausmaß des Vernichtungsprozesses deutlich – in Deutschland und international“, unterstreicht der Historiker John Cramer die Bedeutung des Prozesses. „Die Täter bekamen ein Gesicht, das hat bis heute nachgewirkt“.

Angeklagt wurden 32 SS-Angehörige und Aufseherinnen sowie zwölf Kapos, von der SS als Helfer eingesetzte Häftlinge. Fast 70 Zeugen sagten aus, viele von ihnen Häftlinge. Bis zu 200 Journalisten aus aller Welt berichteten täglich über die Grausamkeiten, von denen sie während des Prozesses hörten. Zehntausende waren in Bergen-Belsen gestorben, darunter im Januar 1945 ein junges Mädchen aus den Niederlanden: Anne Frank.„Anklage und Prozess waren überaus fair, obwohl die Briten wenig Zeit hatten und ihre Personalressourcen äußerst knapp waren“, erklärt John Cramer, der sich jahrelang mit dem Verfahren beschäftigt hat. „Die Briten wollten in Lüneburg demonstrieren, was Rechtsstaatlichkeit bedeutet.“Rechtliche Grundlagen in Lüneburg sind das Völkerrecht und britisches Militärrecht. Es geht der Anklage nicht um einzelne Morde, sondern um gemeinschaftliche Beteiligung an einem „System von Mord, Brutalität, Grausamkeit oder verbrecherischer Vernachlässigung“.

Zu den Angeklagten gehörte Lagerkommandant Josef Kramer. Bevor er nach Bergen-Belsen kam, war er Kommandant im Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau gewesen. Dort waren zuvor auch Lagerarzt Fritz Klein und die erst 22 Jahre alte Irma Grese. Die junge Aufseherin wurde von den Zeugen als personifizierte Grausamkeit beschrieben. Wie Klein wurde sie beschuldigt, an Selektionen im besetzten Polen beteiligt gewesen zu sein.„Ich hatte einen Befehl erhalten und ihn auszuführen“, erklärte Josef Kramer vor Gericht. „Eine eigene Meinung gegen dienstliche, militärische Befehle gibt es nicht.“ Auch Grese berief sich auf ihre vermeintliche Pflicht. „Die Leute übertreiben und machen aus einer kleinen Fliege einen Elefanten“, sagte sie zu den Zeugenaussagen.Am 17. November sprach das britische Militärtribunal das Urteil: Elf Angeklagte wurden zum Tod durch den Strang verurteilt, darunter Kramer, Klein und Grese. 19 erhielten Zuchthausstrafen, die übrigen 14 wurden freigesprochen. Drei Tage später begann in Nürnberg der Prozess gegen die Hauptkriegsverbrecher.

Die in Lüneburg zum Tode Verurteilten – acht Männer und drei Frauen – wurden am 13. Dezember 1945 im Zuchthaus von Hameln gehängt. Die Gräber von Lagerkommandant Josef Kramer und Aufseherin Irma Grese wurdenspäter zu Pilgerstätten Rechtsradikaler, bis die Stadt Hameln sie 1986 einebnen ließ.Nur ein verschwindend geringer Bruchteil der nationalsozialistischen Massenmorde sei juristisch verfolgt worden, kritisieren Experten - in Lüneburg wurde es zuerst versucht. „Barbarische Verbrechen wurden gesühnt“, steht dort auf einer Gedenktafel an einer Straßenecke, wo einst eine Turnhalle stand.