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„Walking Bus“-Begleiter Die gute Seele in Voxtrup: Hildegard Hettlich ist die „Buslinie 3“

<em>Einer vorne, einer hinten</em> – so bringen die Begleiter des „gehenden Busses“ die Kinder sicher zur Schule. Foto: Egmont SeilerEiner vorne, einer hinten – so bringen die Begleiter des „gehenden Busses“ die Kinder sicher zur Schule. Foto: Egmont Seiler

Osnabrück. 7.15 Uhr, Buchfinkenweg 6 in Voxtrup. Dienstbeginn für Hildegard Hettlich. Sie strebt aber nicht dem Bäckerladen zu wie früher, als sie mit dem Brötchenverkaufen ihre Brötchen verdiente. Als Rentnerin hat sie jetzt einen unbezahlbaren Job: Sie ist ehrenamtliche Schulwegbegleiterin.

„Ich bin die Linie 3“, erklärt Hildegard Hettlich, streift die gelbe Warnweste über und schnappt sich die Hand ihres Enkels Rico (7). Gemeinsam marschieren sie zur ersten „Haltestelle“ an der Düstruper Straße. Das Haltestellen-Schild wurde von den Stadtwerken gesponsert und in einem Malwettbewerb von Voxtruper Grundschülern selbst gestaltet. Es ist den „richtigen“ Schildern für die Stadtbusse nachempfunden, aber doch so weit abgeändert, dass kein erwachsener Voxtruper auf die Idee käme, hier auf den Bus Richtung Neumarkt zu warten.

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Denn hier „fährt“ nur der „Walking Bus“ („gehender Bus“) ab. Die vor 20 Jahren in Australien geborene Idee ist schnell erklärt: Gruppen von bis zu 20 Erst- und Zweitklässlern, die den gleichen Schulweg haben, legen den Weg zu Fuß zurück, begleitet von zwei Erwachsenen. Einer geht vorne und ist der „Fahrer“, einer sichert nach hinten und ist der „Schaffner“. Hildegard Hettlich geht heute hinten. „Die Kinder kriegen ihre Bewegung, das ist doch viel besser, als wenn sie Bus fahren oder einzeln im Auto gebracht werden“, sagt sie. „Und sie können sich jetzt schon alles erzählen, was sie tags zuvor erlebt haben“, nennt Hildegard Hettlich einen weiteren Vorteil.

Wacher in den Unterricht

Ricos Klassenlehrerin in der 1b der Gemeinschaftsschule Voxtrup habe bestätigt, dass die Walking-Bus-Kinder mit dem Einläuten der ersten Stunde von Beginn an wacher und aufmerksamer bei der Sache seien.

Sechs Kinder stoßen an der „Haltestelle“ Düstruper Straße hinzu. Und Otto Welling, der heute vorne geht. Seine Warnweste trägt wie die von Hildegard Hettlich den Aufdruck „Verkehrshelfer“, damit andere Verkehrsteilnehmer sofort Bescheid wissen, was für ein Tross hier unterwegs ist. Welling ist Elternratsvorsitzender. In Abstimmung mit Schulleiterin Gabriele Dörenkämper stellt er die Dienstpläne für die insgesamt 38 ehrenamtlichen Wegbegleiter auf, die auf drei Geh-Linien rund die Hälfte der 250 Grundschulkinder zu Fuß zur Schule bringen. „So, und jetzt schließen wir mal wieder auf“, mahnt Hildegard Hettlich die etwas zurückgefallene Nachhut von vier Kindern. Doch das geht nicht so einfach. „Bei Elias ist der Socken verrutscht“, meldet Chiara. Kein Problem für die vierfache Oma: „Komm her, ich mach dir das“, sagt Hildegard Hettlich und zieht Elias die Strümpfe wieder hoch.

Vorne hört man Otto Wellings Stimme: „Drei und drei ist …?“ – „Sechs!“, kommt es wie aus der Pistole geschossen fast gleichzeitig von Maike und Tim. Ganz offensichtlich haben die Kinder Spaß daran, wenn sie auf dem Weg zur Schule das Gelernte wiederholen können. „Wahrscheinlich braucht Otto das aber auch selbst, um für seinen Arbeitstag in Schwung zu kommen“, frotzelt Hildegard Hettlich. Denn Otto Welling ist Steuerberater und hat viel mit Zahlen zu tun.

Hildegard Hettlich legt großen Wert auf die Feststellung, dass sie den „Walking Bus“ für Voxtrup nicht erfunden hat: „Das Lob gebührt anderen, etwa unserem Arzt Dr. Christoph Kellersmann, der das vor fünf Jahren einigen seiner älteren Patienten als tägliche Bewegung empfohlen hatte, oder Hans-Dieter Gawrych oder Christiane Brockfeld. Ich bin nur eine von vielen, die später aufgesprungen sind“, sagt sie bescheiden.

Aber ihr merkt man besonders an, welche Freude sie daran hat, die kleinen Abc-Schützen zu bändigen. Und das bei jedem Wetter: „Wenn der Stadtbus auch schlappgemacht hat, wir haben in den fünf Jahren keinen Tag ausgelassen, egal ob Hitze, Glatteis oder Hochwasser war.“

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