zuletzt aktualisiert vor

Kein Name für das Grauen

Meine Nachrichten

Um das Thema Vermischtes Ihren Nachrichten hinzuzufügen, müssen Sie sich anmelden oder registrieren.

Am Ende zerfallen die Bilder, zerbröseln die Wörter. Das Schreiben führt nicht weiter. Erica Pedretti bricht ab, schweigt einfach.

Bis dahin hatte sie Zeitungsseiten übermalt, Texte geschrieben. Doch dann kamen die Anschläge des 11. September, die die Künstlerin verstummen lassen. Die 35. Ausgabe der Künstlerbuchreihe "Signatur" dokumentiert eindringlich die Reaktion einer Künstlerin auf den Terror - fernab von eloquenten Bewältigungsphrasen. Die Autorin und Bildhauerin, die mit ihrem Schreiben auch stets die Möglichkeit authentischer Erinnerung befragt hat, zeigt auf dem Handpressendruck, der auch diesmal aus dem Künstlerbuch ein Bild macht, vom Feuer umloderte Engelsflügel und einen Vogel, der brennend vom Himmel stürzt.

Tausende kleiner Vögel seien von den Flammen der Explosionen erfasst und getötet worden. Nach dem Inferno würden die kleinen Kadaver "in die Gullys gespült" schreibt die Autorin und faßt mit diesem Detail das ganze Grauen der Anschläge in einem eindringlichen Bild zusammen. Erica Pedretti, die unter anderem mit dem Bachmann-Preis und der Bobrowski-Medaille ausgezeichnet worden ist, macht die "Signatur"-Seiten ohnehin zu einem anstrengenden Parcours.

Ausgehend von Abbildungen von vier Heiligen notiert Pedretti das Schicksal von Gemarterten und Hingerichteten quer durch Geschichte und Kulturen. Von der Heiligen Ursula bis zum Attentäter Timothy McVeigh trägt sie Berichte von schauderhaften Ritualen des Tötens zusammen, zitiert dafür mittelalterliche Legenden ebenso wie die amerikanische Lokalreporterin Michelle Lyons, die regelmäßig über Hinrichtungen berichtet. Pedretti gelingt diese Collage des Grauens deshalb besonders eindrucksvoll, weil sie auf jede moralische Wertung verzichtet.

Wie bei mittelalterlichen Palimpsesten, also wiederholt abgeschabten und erneut beschriebenen Pergamentblättern, bedient sich Erica Pedretti Zeitungsseiten, die sie mit Schichten aus weißer Übermalung, Abbildungen von Madonnen und Hinrichtungszellen sowie endlosen Schriftkolonnen überzieht. Die Unbegreiflichkeit dessen, was Menschen einander zufügen, bildet die Künstlerin in der Schrift selbst ab. Denn Pedretti verknotet horizontale und vertikale Zeilen zu einem unentwirrbaren Dickicht der Sprache, das jeden Sinn zu verbergen scheint. Selbst diese Verfremdung schützt nicht hinreichend gegen das tiefe Erschrecken über die Terroranschläge. Der Schock reisst die Sprachhecke einfach auseinander, die Gewalt vernichtet mit den Menschen auch die Wörter. Erica Pedretti plazierte die wie ein Fanal aufragenden Engelsflügel auf einem Blatt mit Börsennotierungen. So wird faßbar, wie existentielle Bedrohung scheinbar unumstößliche Wertordnungen der Welt des zirkulierenden Geldes in ihr Gegenteil verkehrt. Doch begreifbar wird dadurch nichts. Erica Pedretti findet den Mut, ihre Ratlosigkeit einzugestehen. Das macht aus der neuen "Signatur"-Ausgabe nicht nur ein gelungenes Werk, sondern auch ein tief anrührendes Dokument.


Weitere Angebote, Produkte und Unternehmen der noz MEDIEN