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Wie ein polnischer Wissenschaftler mit deutscher Hilfe für eine friedliche EM sorgen will Fankultur statt Fußfesseln

Von Harald Pistorius

So soll es sein: Deutsche und polnische Fußballfans – hier beim EM-Spiel 2008 in Klagenfurt. Foto: ImagoSo soll es sein: Deutsche und polnische Fußballfans – hier beim EM-Spiel 2008 in Klagenfurt. Foto: Imago

Sopot. „Wir wollen beweisen, dass wir nicht das heilige Land des Hooliganismus sind.“ Dr. Dariusz Lapinski sagt das, und diesen Namen wird man sich merken müssen, wenn es um das Thema Sicherheit bei der Fußball-Europameisterschaft 2012 geht. Der Mittvierziger ist bei der staatlichen polnischen EM-Behörde zuständig für Fanbetreuung und die Gewaltprävention. Er ist zum Thema gekommen, weil er mal zu seiner Studienzeit in Potsdam in einer Fankneipe des SV Babelsberg saß.

In den Tagen vor dem Länderspiel zwischen Polen und Deutschland machten sie die Runde: Bilder von brennenden Kurven in polnischen Stadien, Erinnerungen an die Ausschreitungen polnischer Hooligans mit Toten und Verletzten. Mit Blick auf die EM 2012 ist die Rede von den Verhaftungen berüchtigter Gewalttäter, von elektronischen Fußfesseln für Hooligans während der EM und von 1700 aktuell gültigen Stadionverboten.

„Die Bilder sind echt, die Probleme sind da“, sagt Lapinski, „aber niemand muss Angst haben, nach Polen oder in die Ukraine zu kommen. Hier wird es sicher sein, es wird ein friedliches Fest sein.“ Dafür arbeitet er.

In drei Städten – Danzig, Gdingen und Breslau – sind Fanprojekte gestartet worden, weitere sollen folgen. Gezielt geht das Team auf aktive Fans zu, bietet ihnen die Chance, ihre Ideen von Fankultur umzusetzen. „Unser Ansatz ist es nicht, in die Hooligan-Szene zu gehen. Wir wollen die guten, aktiven Fans sammeln und stärken; die Hooligans sollen isoliert werden,“, sagt Lapinski. Allerdings, das gibt er zu, ein paar „recycelte Hooligans“ hätte er gern, bekehrte Gewalttäter, die erzählen, warum ihr Weg falsch war.

Lapinski arbeitet eng mit Michael Gabriel, dem Leiter der Koordinierungsstelle Fanprojekte aus Frankfurt, zusammen; nicht nur die deutsche Art der Nachwuchsförderung wird in Polen kopiert. Die KOS, vor über 30 Jahren aus der Fanbewegung entstanden und inzwischen auch vom DFB als unabhängiger Partner anerkannt, ist das Vorbild – und der wichtigste Helfer.

Die Europameisterschaft soll nur der Anlass, der Treiber sein für den Weg zu einer neuen Fankultur, in der Gewalt geächtet ist: „Ich habe das Glück, tagtäglich mit aktiven Fans zu arbeiten. Sie wollen das schlechte Image des polnischen Fans loswerden.“ Dabei hilft die KOS mit der Erfahrung aus 30 Jahren Fanarbeit und der alltäglichen Praxis aus 50 Fanprojekten an 47 deutschen Fußballstandorten.

„Die deutschen Fans müssen keine Angst vor der Reise haben“, sagt auch Gabriel. Am Tag nach der Gruppen-Auslosung, die am 2. Dezember in Kiew stattfindet, wird die KOS eine EM-Website mit allen Informationen für reiselustige Fans freischalten. Die wichtigste gab gestern DFB-Generalsekretär Wolfgang Niersbach: Für jedes Spiel der deutschen Mannschaft wird es 15 Prozent der Stadionkapazität geben, mindestens jedoch 6000 Karten. Die Verteilung übernimmt die UEFA. Damit soll gewährleistet werden, dass nicht ausgeschöpfte Fankontingente nicht in zweifelhaften Kanälen landen, sondern da, wo sie hingehören: bei den Fans des Gegners.

Die Pressekonferenz ist zu Ende, doch Dariusz Lapinski muss noch schnell erzählen, wie er zu seinem Job gekommen ist. Während eines Lehrauftrags in Potsdam besuchte der Fußballfreund ein Spiel des SV Babelsberg und anschließend eine Kneipe, in der Fans beider Lager friedlich beieinandersaßen. Das kannte der Fan von Widzew Lodz aus der Heimat nicht, er begann, sich für die deutsche Fanszene zu interessieren. Er fand Kontakt zur KOS, irgendwann entwarf er ein Konzept für eine neue Fanarbeit in Polen. Es wurde angenommen, und dann stand der Politik- und Kulturwissenschaftler vor der Wahl: „Entweder weiter klugscheißen – oder etwas Richtiges auf die Beine stellen.“ Elfenbeinturm oder Fankurve, er hat sich entschieden.