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UNO befürchtet bis zu 200000 Infizierte Mehr als 900 Tote in Haiti - das Leben in den Zeiten der Cholera

Von Klaus Ehringfeld

Gebet im Elend: Smeralda (12) und ihre Schwester Serena (11) bitten während einer Messe in Port-au-Prince um Hilfe. Foto: dapdGebet im Elend: Smeralda (12) und ihre Schwester Serena (11) bitten während einer Messe in Port-au-Prince um Hilfe. Foto: dapd

Port-au-Prince. In Haiti sind nach Angaben der Behörden bereits 917 Menschen an der Cholera gestorben. Fast 15000 Menschen kamen mit Verdacht auf Cholera ins Krankenhaus, seit die Epidemie vor drei Wochen begann.

In einer hölzernen Schubkarre wird die bewusstlose Frau zum Krankenhaus gebracht, die blassen Lippen ausgedörrt und aufgesprungen. Sie ist 22 und war vor zwei Tagen noch gesund und munter. Der krankenhausgrün gestrichene Korridor zur Klinik ist voll mit Opfern der Choleraepidemie, die inzwischen die Hauptstadt Port-au-Prince erreicht hat.

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Ein Vater trägt seine kleine Tochter auf den Armen. Ganz schlapp ist das Mädchen, eingehüllt in eine gelbe Decke. Die zweijährige Clercilia Regis hat seit drei Tagen Durchfall. Seit die Angst vor der Krankheit umgeht, hielten sich ihre besorgten Eltern an den Rat des Pastors und gaben zur Desinfektion etwas Bleichmittel und Limettensaft ins Wasser. Clercilia wurde trotzdem krank. Erst schien es ihr gar nicht so schlecht zu gehen, erzählt ihr Vater Jedson Regis. Aber dann: „Gestern Abend gegen sieben wurde es richtig schlimm.“ Als es hell wurde, trug Regis seine Tochter zum Hospital Saint Catherine Laboure. Unterwegs kam er an den Kanälen vorbei, die der Seuche eine ideale Brutstätte bieten: grünlich braune Brühe voller Plastikmüll und menschlichen Exkrementen.

Zehn Monate nach dem Erdbeben mit offiziell 230000 Toten ist Haiti mit dem Ausbruch der Cholera in eine neue Katastrophe geraten. Bis zu 200000 Menschen könnten nach Schätzungen der Vereinten Nationen an der Seuche erkranken. Die seit dem Erdbeben im Januar in Haiti tätigen Hilfsorganisationen bemühen sich, die Seuche einzudämmen. Joost Butenop, medizinischer Berater von Caritas international, hält die Epidemie für außer Kontrolle geraten. „Gewöhnlich sterben ein Prozent der Erkrankten, in Haiti sind es jedoch sechs Prozent.“ Das liegt nach Einschätzung der Weltgesundheitsorganisation an den schlechten hygienischen Bedingungen, der Tatsache, dass die ersten Fälle in schwer erreichbaren Gegenden aufgetreten sind, und am Trinkwassermangel.

Astrid Nissen, Leiterin des Büros der Diakonie-Katastrophenhilfe in Haiti, sieht die Epidemie nicht in erster Linie als Folge des Bebens. „Strukturelle Grundprobleme sowie die regenreichen und warmen Monate haben der Ausbreitung Vorschub geleistet“, betont Nissen im Gespräch mit unserer Zeitung. „Allein in den vergangenen Tagen wurden 150 Todesfälle gemeldet, was ein exponentieller Anstieg ist.“ Besonders betroffen sei die Region um die Hafenstadt Gonaïves im Nordwesten des Landes. „Dort hat sich die Situation nach dem Hurrikan Tomás noch einmal verschärft. Und die Gesundheitsbehörden bestätigen, dass die Situation im Norden nicht unter Kontrolle ist.“

Das Horror-Szenario für Gesundheitsbehörden und Hilfsorganisationen ist ein massives Übergreifen der Infektionskrankheit auf die Hauptstadt Port-au-Prince. Dort könnte sich die Epidemie dann vor allem in den Obdachlosenlagern wie ein Lauffeuer ausbreiten. Hunderttausende Menschen leben auch zehn Monate nach dem Beben noch immer auf engstem Raum unter schlechten hygienischen Bedingungen unter Planen, in Zelten, auf Plätzen oder auf Bürgersteigen.

Die UNO fordert unterdessen die Bereitstellung von 120 Millionen Euro für die Bekämpfung der Cholera-Epidemie. Es werde noch rund ein Jahr lang zu Neuansteckungen kommen, sagte OCHA-Sprecherin Byrs. „Wir brauchen dieses Geld so schnell wie möglich.“

Die deutschen Hilfsorganisationen, die bisher vor allem auf den Wiederaufbau nach dem Beben setzten, intensivieren nun ihre Hilfe für die Cholera-Opfer. Die Diakonie-Katastrophenhilfe mit Sitz in Stuttgart unterhält in Haiti eines von 15 Behandlungszentren für Cholera-Kranke. „Daneben versuchen wir über Symptome und Hygiene aufzuklären und zu informieren, damit vor allem im Süden der Insel die Cholera gar nicht erst Fuß fasst“, sagt Astrid Nissen. Die Welthungerhilfe unterstützt vor allem die staatlichen Gesundheitsstationen im Nordosten und Nordwesten. „In solchen Krisenfällen sind die lokalen Gesundheitsstationen schnell überlastet und werden dann selbst zu Zentren möglicher Ansteckungen“, erklärte die Organisation in Bonn. Daher verteilt sie in den Gesundheitszentren Notfallpakete mit Wasserkanistern, Tabletten gegen Dehydrierung, Seifen, Wasserbeuteln und Desinfektionstabletten.Trotz des raschen Fortschreitens der Epidemie soll die Präsidentenwahl am 28. November stattfinden.

Dies machten der Vorsitzende der Wahlkommission, Gaillot Dorsainvil, und Premierminister Jean-Max Bellerive deutlich. Die Internationale Gemeinschaft, allen voran die UNO-Mission MINUSTAH, hält sich überraschend zurück bei dem Thema und betont, es sei Sache der Haitianer über eine Verschiebung zu entscheiden.