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Geschürft in den Tiefen der Subkultur

Sir Simon Rattle hat ein neues musikalisches Breitenprojekt umgesetzt: eine Tanz-Version von Heiner Goebbels' "Surrogate Cities". Rund 8000 begeisterte Gäste erlebten das Projekt an zwei Abenden in der ausverkauften Arena Berlin in Treptow.

Die Schläge sind gewaltig, die vibrierenden Streicherklänge bauen eine beängstigende Kulisse auf. Akkorde klirren fast hysterisch, und darunter wälzt sich der zähe Strom der Blechbläser. So hat der Komponist Heiner Goebbels 1993/94 die Großstadt komponiert, und die illustrative Kraft seiner "Surrogate Cities" hat Sir Simon Rattle nun für ein weiteres "Zukunft@BPhil"-Projekt genutzt. Wieder in der Berlin Arena in Treptow, wieder mit seinen Berliner Philharmonikern - und wieder mit Menschen, die mit klassischer Musik bisher wenig anfangen konnten.

In den letzten Jahren sind in Deutschland Programme und Initiativen aus dem Boden geschossen, die alle zum Ziel haben, der klassischen Musik neues Publikum zu gewinnen. Die Initialzündung dazu löste der Film "Rhythm is it" aus, der zeigt, wie Jugendliche aus sozialen Brennpunkten Berlins zu Stravinskys "Sacre du Printemps" nicht nur eine stimmige Choreografie entwickelten, sondern einen weiten Schritt ins unzugängliche Land der klassischen Musik gemacht haben.

und wie damals holte Sir Simon seine Protagonisten aus klassikfernen Lebensbereichen: Aus einer Grundschule in Neukölln beispielsweise, einem Stadtteil, der in der jüngeren Vergangenheit vor allem durch die desaströsen Zustände an der Rütli-Schule auf sich aufmerksam machte. Auch Schüler einer Kung-Fu-Schule sind dabei - und eine Gruppe, die ebenfalls von unserer Gesellschaft gern mal vernachlässigt wird: Menschen über fünfzig. Insgesamt tanzen rund 300 Menschen zur Musik von Heiner Goebbels, in einer Choreographie, die sie zusammen mit der Choreographin Mathilde Monnier entwickelt haben.

Auch Goebbels' Musik erlaubt assoziative Anknüpfungspunkte an das "Rhythm is it"-Projekt: Es herrschen nämlich ähnlich stampfende Rhythmen vor, aus denen ähnlich rohe Kraft erwächst. Mit dem Unterschied, dass diesmal nicht Rituale des heidnischen Russland thematisiert werden, sondern die Großstadt selbst - der Ort, an dem Kulturen und Generationen, Interessengruppen und soziale Schichten aufeinandertreffen.

Die Musik schürft dazu in den Tiefen der Subkultur, in Samples von Benjamin Kobler, in denen jüdischer Synagogal-Gesang und dumpf murmelnde Beats anklingen. Aber auch Vergessenes wie eine Scarlatti-Sonate schöpfen die Samples zutage, und zusammen mit monumentalen Klangsäulen entsteht eine packende musikalische Großstadt-Topografie. Vollendet aber wird sie durch den Vokalkünstler David Moss, der düstere Texte von Paul Auster spricht oder Kafkas "Die Faust im Wappen" zerlegt, dazu grunzt, jault und faucht. Dagegen setzt die Sängerin Jocelyn B. Smith auf Texte von Heiner Müller aber auch mal den beruhigenden Fluss einer Pop-Ballade. Denn manchmal atmet auch die Großstadt mal durch.

Etliche Male wurden die "Surrogate Cities" seit ihrer Uraufführung anlässlich der 1200-Jahr-Feiern der Stadt Frankfurt am Main schon gespielt; getanzt wurde dazu nun zum ersten Mal. Dabei zeigt der Abend, dass die Musik reichlich über tänzerische Impulse verfügt. Ob alle Protagonisten zunächst einmal auf dem Hallenboden mit Kreide einen verwirrenden Grundriss entwerfen, Kinder aus leeren Kartons und Flaschen ihre eigene Stadt bauen oder Kung-Fu-Schüler ihre Martial Arts zur Musik inszenieren - immer erwächst die Choreographie aus der Energie der Musik.

So schafft das Medium Tanz dem musikalisch packend umgesetzten Werk durchaus einen künstlerischen Mehrwert. Und den Mehrwert für die klassische Musik an sich kann man am Schlussapplaus ermessen: Da werden die Tänzer, aber eben auch die Berliner Philharmoniker und ihr Chef Simon Rattle gefeiert wie Popstars. Bei zeitgenössischer Musik ist das noch lange keine Selbstverständlichkeit.


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