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Vom Rülpsen und Furzen

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Dass Martin Luther das Furzen und Rülpsen tatsächlich für ein angemessenes Lob hielt, darf bezweifelt werden.Dass Martin Luther das Furzen und Rülpsen tatsächlich für ein angemessenes Lob hielt, darf bezweifelt werden.

Wem ein Bäuerchen entfleucht oder ein Darmwind, der versucht seine Taktlosigkeit gerne durch ein historisches Zitat zu adeln: „Was rülpset und furzet ihr nicht,“ habe doch schon Martn Luther gesagt, „hat es euch nicht geschmacket?“ Aber das stimmt gar nicht – von Luther ist dieser Ausspruch jedenfalls ncht überliefert. Damit wollten offenbar "manche Kreise ihren Lebensstil mit Luther-Zitaten belegen", mutmaßt Helmar Junghans, Luther-Experte der Universität Leipzig.

Mit Luther ist es wie mit vielen Berühmtheiten: Ihnen werden oft Aussprüche zugeschrieben, die nicht belegbar oder nachweislich falsch sind. Schade – einige der schrägsten Aussprüche entstammen offenbar dem Reich der Phantasie.

Etwa Heinrich Lübkes Fehltritt bei einem Besuch in Liberia 1962: „Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Neger!“ könnte der Bundespräsident, der viele Fettnäpfchen suchte und fand, gesagt haben – doch offenbar hat er es tatsächlich nicht. Weder das Bundespräsidialamt noch Rundfunkarchive haben einen Beleg dafür. Wolfgang Koßmann vom Bundespresseamt suchte jahrelang einen stichhaltigen Beweis – ohne Erfolg. Er hält den Ausspruch für „gut erfunden“.

Ebenfalls erfunden ist der Winston Churchill zugeschriebene Satz „Ich glaube nur Statistiken, die ich selbst gefälscht habe." Dieses Zitat kursiert nur in Deutschland, in England ist es nahezu unbekannt. Das deutet auf einen deutschen Urheber hin, und tatsächlich gehen Historiker davon aus, dass Joseph Goebbels‘ Propagandamaschinerie dahinter steckt – man wollte Churchill offenbar als Lügner diskreditieren. Dabei war der britische Premier ein erklärter Freund von Statistiken und objektiven Zahlen: "Du musst die Tatsachen anschauen, denn sie schauen dich an", sagte er bereits 1925.

1989 soll Gorbatschow dann etwas epochales zu Honecker gesagt haben: "Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben." Wie die „Aktuelle Kamera“ des DDR-Fernsehens vom 5. Oktober 1989 zeigt, sagte er aber etwas anderes: "Ich glaube, Gefahren warten nur auf jene, die nicht auf das Leben reagieren." Die Propagandisten schnitzten daraus den Satz, der in die Geschichte einging. Ebenfalls ein nachträglich verfeinerter Ausspruch scheint Willi Brandts These zu sein, wonach zusammenwächst, was zusammengehört. Belegt ist das nicht.

Keiner Berühmtheit aber werden so viele kluge Sprüche angedichtet wie Martin Luther. "Wenn ich wüsste, dass morgen die Welt unterginge, würde ich heute ein Apfelbäumchen pflanzen" tauchte erst im letzten Jahrhundert auf, "Hier stehe ich und kann nicht anders" hat er vor dem Reichstag in Worms nicht gesagt (sondern „Daher kann und will ich nichts widerrufen, weil wider das Gewissen etwas zu tun weder sicher noch heilsam ist“), „Sündige tapfer!“ schrieb er zwar, aber er setzte es fort mit „doch tapferer glaube!“

Es scheint also, dass viele große Sätze der Weltgeschichte von namenlosen Schreibern erfunden wurden. Deshalb kann man sich mit sowas auch schlecht rausreden, nach einem Bäuerchen.


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