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Kleiner Mann, großes Ego

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Napoleon war weder für seine Körpergröße noch für seine Bescheidenheit bekannt.Napoleon war weder für seine Körpergröße noch für seine Bescheidenheit bekannt.

Vor einer Hauskatze braucht man keine Angst zu haben, vor einem Tiger schon, denn der ist eben viel größer. Bei Menschen – genauer: bei Männern – scheint es umgekehrt zu sein: Die Chanteuse Jane Birkin gab unlängst als Essenz ihrer Lebenserfahrung den Rat „Nimm Dich in Acht vor kleinen Männern“. Und als im Zuge der letzten französischen Präsidentschaftswahlen der 1,65 Meter kleine Nikolas Sarkozy gewann, flammte die Debatte um den so genannten Napoleon-Komplex erst richtig auf: Kleinere Männer versuchen dem zufolge ihren physischen Mangel durch Ellbogenverhalten, Egoismus und Machtwillen zu kompensieren. Was ist dran?

Zahlreiche Untersuchungen haben belegt, dass Männer, die kleiner als 1,78 sind, benachteiligt sind. Größere verdienen mehr Geld, werden von Personalchefs bei der Stellenbesetzung bevorzugt, und bei 80 Prozent der US-Präsidentschaftswahlen im 20. Jahrhundert gewann der größere Kandidat. Kinderlose Männer sind im Schnitt drei Zentimeter kleiner als die, die Väter sind, Frauen bevorzugen Männer, die im Schnitt fünf Zentimeter größer sind als sie selbst. Männer unter 1,70 Meter leiden doppelt so häufig an Bluthochdruck wie Männer über 1,80 Meter, kleine nehmen sich doppelt so häufig das Leben wie große. Schon 1927 fand ein US-Forscher heraus, dass Landpfarrer kleiner sind als Bischöfe und Schuldirektoren als Universitätspräsidenten.

Wie belastend es sein kann, nicht über das Gardemaß zu verfügen, zeigt der Blick in ein Internetforum, in dem Männer sich über ihre Pläne und Erfahrungen mit operativer Beinverlängerung austauschen. „Es ist einfach zu sagen, dass es Unsinn ist sich die Beine zu verlängern wenn man eine Größe hat die durchschnittlich ist“, klagt ein Patrick. „Ihr könnt nicht einmal erahnen, wie es ist, klein zu sein in einer solchen Umwelt. Also bitte, kommt nicht immer mit den selben Ratschlägen wie: hab mehr Selbstvertrauen, denn das wird uns kleinen Leuten fast täglich genommen in allen alltäglichen Situationen.“ Ein anderer bestätigt: „Die ‚Schlauen‘ in diesem Forum sollen doch bitte endlich mal überlegen, wie mies es uns ‚Kleinen‘ psychisch gehen muss, dass wir sogar eine Beinverlängerung über uns ergehen lassen wollen!“

So ist es kein Wunder, dass sich in vielen Untersuchungen eine Reihe von Kompensationsstrategien zeigten, wie sie dem Napoleon-Komplex zugeschrieben werden. Etwa dass die kleiner gewachsenen Probanden in Teams eher zu Mobbing und eigensinnigen Strategien neigten. Der „Stern“-Politikredakteur Hans-Ulrich Jörges nannte das – unverantwortlich plump - im Zusammenhang mit Sarkozy „Einsatz von psychologischen Massenvernichtungswaffen“. Als Beispiele für solches Verhalten werden Despoten wie eben Napoleon, Hitler und Kim Jong-Il angeführt, aber auch die 1,57 Meter kleinen polnischen Kaczynski-Zwillinge.

Die Benachteiligungen resultieren, so die wissenschaftliche Theorie, aus den genetischen Mustern der Evolution: Größere Männer bedeuteten einfach mehr Kraft und damit Macht, mehr Schutz für die Sippe, mehr Erfolg bei der Jagd.

Der napoleonische Geltungsderang lässt sich besonders in Hollywood erkennen: Die ehrgeizigsten Stars sind auffallend oft eher klein gewachsen, Paradebeispiel: Tom Cruise, der von seiner Katie Holmes um einen halben Kopf überragt wird und ihr verboten haben soll, Schuhe mit Absätzen zu tragen. Andererseits ist der 1,59 Meter kleine Popstar Prince als Sexsymbol weltbekannt.

Dennoch hat es einen Vorteil, nicht zu goß zu sein: Männer unter 1,80 Körperlänge erkranken zu 36 Prozent seltener an Krebs. Es kann sich also auch auszahlen, aus nicht ganz so vielen Körperzellen gebaut zu sein.


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