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Zeitzeugen erinnern sich Starfighter-Absturz vor 40 Jahren: Als in Hinnenkamp die Erde bebte

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jka Hinnenkamp. Es ist ein gewöhnlicher Dienstag in Hinnenkamp. Genau vor 40 Jahren, am 9. März 1971, kracht ein Bundeswehr-Jagdbomber des Typs F-104 „Starfighter“ auf zwei Häuser und innerhalb kurzer Zeit wird eine Weide zum militärischen Sperrgebiet.

Mit ihren Näharbeiten sitzt Ursula Wüllner in der Küche, als sie „ein unheimliches Geräusch“ hört. Sie schaut aus dem Fenster und sieht, „wie der Flieger plötzlich aus dem Himmel zwischen zwei Häusern runterfällt, vielleicht 250 Meter von hier“.  Die Szenerie: „Enormer Krach und Feuer, ganz entsetzlich.“ Ihr Ehemann August ist als Futterberater in der Umgebung unterwegs. Als sich der Absturzort herumspricht, gibt es für ihn nur eine Konsequenz: „Ab nach Hause. Ich habe gedacht: Kann das auch mein Haus gewesen sein?“ Als der heute 82-Jährige ankommt, sieht er, dass es zwei benachbarte Häuser getroffen hat.

„Alles bebte. Ich dachte, das ganze Haus fällt ein“, erinnert sich die heute 84-jährige Maria Thörner. Sie füttert mit Elfriede Meyer-Möhlenhoff das Vieh, als ein Knall die beiden Frauen aufschreckt. Draußen sehen sie das Inferno. „Alles stand sofort in Flammen – wir haben gedacht, da kommt keiner mehr raus“, sagt die 81-jährige Meyer-Möhlenhoff.

Es kommt glücklicherweise anders: Zwei Bewohner retten sich aus einem der brennenden Heuerhäuser auf dem Anwesen der Meyer-Möhlenhoffs, ein weiterer schlägt die Scheibe einer Garage ein und gelangt ins Freie. Eine Bewohnerin erleidet allerdings schwere Verbrennungen. Sie will gerade das Haus verlassen. Als sie die Tür öffnet, schlägt ihr brennender Treibstoff entgegen. Lange bleibt sie im Krankenhaus, sie überlebt, aber trotz vieler Hauttransplantationen sind „bis heute nicht alle Wunden verheilt“, sagt ihr Sohn Willi Hoppe.

Der damals 19-jährige Kfz-Mechaniker ist – wie sein Bruder – zum Zeitpunkt des Absturzes nicht zu Hause, sondern kommt erst später zur Unglücksstelle. Da hat sein Vater bereits seine zusammengebrochene Mutter zur Straße getragen. Ein Nachbar bringt sie mit dem Wagen ins Krankenhaus.

Dort landet auch der Pilot: Er betätigt den Schleudersitz und wird beim Aufprall schwer verletzt. „Er lag 200 Meter von der Unglücksstelle auf einer Wiese. Wir haben ihn mit einer Trage zum Krankenwagen gebracht“, berichtet Hermann Lohaus. Der damals 33-Jährige ist einige Jahre zuvor der freiwilligen Feuerwehr Vörden beigetreten und steht in der Kfz-Werkstatt, als der Sirenenalarm den Einsatz verkündet.

„Man musste fast damit rechnen, dass das mal passiert“, sagt Lohaus. Zehn- bis zwölfmal am Tag seien Militärflugzeuge niedrig über die Gegend geflogen, „und die Starfighter fielen ja laufend vom Himmel“.

Der Absturz in Hinnenkamp ist nach übereinstimmenden Angaben mehrerer Internetseiten, die die Verluste der Luftwaffe dokumentieren, der dritte im März 1971 und einer von 19 im gesamten Jahr. 292 Starfighter verliert die Luftwaffe zwischen 1960 und 1991.

Die Rettung des Piloten ist „das Wesentliche“, erinnert sich Feuerwehrmann Lohaus. Die Löscharbeiten übernehmen in erster Linie die Kollegen aus Damme. „Alle waren sehr unsicher. Keiner mochte sich nähern, weil niemand wusste, ob der Flieger scharfe Munition an Bord hatte“, sagt Lohaus. Das Annähern an den Flieger hat sich eh erledigt, als die Feldjäger anrücken. „Die Absturzstelle wurde hermetisch abgeriegelt“, berichtet Lohaus.

Hunderte Schaulustige haben sich inzwischen eingefunden, wie die Bramscher Nachrichten am Tag danach berichten. Das Geschehen hat auch die Neugierde von Ralf Bürger geweckt. Der heutige Ortsbrandmeister von Vörden ist damals 15 Jahre alt. Mit seinem Fotoapparat radelt er zur Unfallstelle. In erster Linie fotografiert er das Geschehen drum herum, die Militärhubschrauber und Einsatzfahrzeuge: „Alles, was grün und rot ist an Autos, ist in dem Alter interessant“, erinnert sich Bürger. Auch Trümmer und Wrackteile hält er fest. Es sind dokumentarische Glückstreffer, denn Bilder von der Absturzstelle zu bekommen, ist für andere Fotografen schwierig. Die Bundeswehr hat das Gebiet zum militärischen Sicherheitsbereich erklärt. „Ein Offizier untersagte strikt jedes Fotografieren“, heißt es in den Bramscher Nachrichten. Ein Soldat habe einen belichteten Film einbehalten, schreibt der Chronist. Dass er sich als Berichterstatter der Zeitung zu erkennen gibt, hilft Hellmuth Knollenberg nicht. Er protestiert gegen die Beschlagnahmung seiner Bilder, aber das kann den Soldaten nicht umstimmen. „Weit gefehlt, er hat sich meiner Sache nicht angenommen“, sagt Knollenberg, der die Maßnahme noch heute als „Sauerei“ empfindet, aber damals keinen Ärger mit dem Militär bekommen will.

Ralf Bürger hat mehr Glück. Er steht in einem Pulk an einer Böschung. Als die Pressefotografen mehrere Reihen vor ihm ihre Filme abgeben müssen, lässt er seinen Fotoapparat „mal eben in der Jacke verschwinden. Heute lächelt man darüber, aber im Kalten Krieg war so etwas eine geheime Geschichte, die der Klassenfeind nicht mitbekommen sollte“.

Das Aufräumen geht „ganz auf die Schnelle“, erinnert sich Elfriede Meyer-Möhlenhoff. Am Tag nach dem Absturz sind alle Trümmer beseitigt, der Spuk ist vorbei. Mehrere Tage lang sind die Nachbarn noch in Schichten als nächtliche Brandwache eingeteilt. Irgendwann zieht wieder Normalität in Hinnenkamp ein. „Im ersten Moment war es ein Schock, dann kam die Erleichterung. Alles hätte noch viel schlimmer ausgehen können“, sagt August Wüllner. Zehn Schweine und 20 Hühner sind tot, drei Pkw und mehrere Gebäude abgebrannt, 235000 Mark Sach- und Inventarschaden: So lautet die Schadensbilanz der Polizei – plus mehrere Millionen Mark, die der Starfighter gekostet hat.

So unterschiedlich die Erlebnisse der Zeitzeugen auch sind, eins eint sie: „Man denkt noch manchmal an den Tag, wenn man an der Weide ist“, sagt Maria Thörner. Hermann Lohaus geht es ähnlich: „Es war ein besonderes Ereignis, das hängen geblieben ist, und nie aus dem Kopf geht.“


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