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Kraftwerk läuft mit „Papenburger Kraftstoff“

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Die Wissenschaft steht vor einem Rätsel: Sollte es wirklich gelungen sein, mit einem Gemisch aus einer Einheit Rapsöl und drei Einheiten Wasser unter Zuführung von Kohlendioxid ein Blockheizkraftwerk erfolgreich zu betreiben? Der Betreiber des Blockheizkraftwerkes, Stefan Witte aus Bohmte bei Osnabrück, sagt ja, ein Ingenieurbüro aus Lingen bestätigt es und steht vor einem Rätsel. Die Entwickung soll jetzt weitere Schritte vorangekommen.

Das Gemisch ist enstanden durch einen sogenannten Wirbelwandler, den die Papenburger Firma egm international entwickelt hat (wir berichteten). Dieser „Papenburger Kraftstoff“, der mit einer Technik zur Bindung von Kohlendioxid-Bestandteilen in Wasser bzw. Öl erstellt wurde, ist jetzt erstmals bei einem Probelauf an einem Heizkraftwerk eingesetzt worden.

Die Skepsis bei dem Unternehmer Stefan Witte war groß. „Ich hatte von der Entwicklung in Papenburg erfahren und wollte wissen, ob es wirklich funktionieren kann, einen neuen, vollwertigen Kraftstoff aus einem Gemisch von Rapsöl, Wasser und Kohlendioxid herzustellen“, so Witte. Er habe sich dann entschieden, mit einem seiner Blockheizkraftwerke Test zu fahren. Witte: „Damit ich mir sicher sein konnte, dass alles mit rechten Dingen zugeht, habe ich die Lingener Ingenieurgesellschaft Zech beauftragt, die Aufbauten und das Verfahren aus Papenburg zu begleiten, Proben und Messungen zu nehmen und die Ergebnisse zu analysieren.“

Bei einer ersten Versuchsreihe habe sich gezeigt, dass die Heizleistung des Kraftwerkes trotz der Verdünnung des Rapsöls mit Wasser im Verhältnis 1:3 gleich bleibe. Entsprechende Messungen nahm die Firma van Meegen aus Vechta vor. Auch die Emissionswerte sind laut Witte unverändert geblieben. „Die Ingenieure, die die Versuche begeleitet haben, taten sich allerdings äußert schwer, die Ergebnisse zu testieren, weil sie keine wissenschaftliche Erklärung für die Streckung des Kraftstoffes finden konnten.“

Auf Wunsch der emsländischen Ingenieurgesellschaft sei dann eine zweite Testreihe mit dem „Papenburger Kraftstoff“ vorgenommen worden. Witte: „Wieder wurde die gesamte Anlage auf den Prüfstand genommen, alle Leitungen gespült und die zugeführten Stoffe analysiert“, so Witte. Das Ergebnis war das Gleiche: Die Heizleistung des Kraftwerkes veränderte sich beim Betrieb mit reinem Rapsöl oder mit dem „Papenburger Kraftstoff“ nicht, und auch die Emissionen blieben konstant. Die Ingenieure erstellten daraufhin ein Testat, das unserer Zeitung vorliegt, eine umfangreiche Dokumentation mit Messreihen, Analysen und Fotos.

Für Witte, der mit seiner Firma SW Energie in der Region Emsland und Osnabrück insgesamt zehn Blockheizkraftwerke betreibt, ist das Ergebnis der Tests kaum in Worte zu fassen. „Man tut sich schon schwer. Ich will jetzt weitere Versuche vornehmen, denn wenn es funktioniert, ist es eine große Energie- bzw. Kraftstoffeinsparung.“

Was sagt die Ingenieurgesellschaft? Siegfried Zech, Geschäftsführer des gleichnamigen Büros, schildert gegenüber unserer Zeitung die anfängliche Skepsis seiner Fachleute. „Wir haben uns mit den ersten Messergebnissen schwergetan und uns dann für die zweite Versuchsreihe entschieden, um nichts zu übersehen.“ Dabei wurden erneut Proben von allen an dem Versuch beteiligten Substanzen an verschiedenen Stellen des Versuchsaufbaus genommen. Zech: „Das Ergebnis ist ein dolles Ding, das sich die Ingenieure nicht erklären können.“ Es bleibe aus seiner Sicht derzeit noch ein Restrisiko, dass „es vielleicht anders ist, als es sich derzeit darstellt, weil die Ergebnisse physikalisch nicht plausibel sind“.

Wie geht es nun weiter? Heizkraftwerk-Betreiber Witte hat in Abstimmung mit der Papenburger Firma entschieden, einen Langzeittest mit dem neuen Kraftstoffgemisch zu starten. Witte: „Wir werden eines unserer Kraftwerke rund 1000 Stunden mit dem Gemisch laufen lassen. Damit wollen wir feststellen, ob auch der Motor des Kraftwerkes ohne Schäden bleibt oder ob es weitere Risiken gibt, die wir zurzeit noch nicht sehen.“ Die erneuten Test kommen auch der Ingenieurgesellschaft entgegen. Zech. „Wir verfallen nicht in Euphorie, sondern werden jetzt die Versuche in unseren Räumen mit unserer Technik vornehmen.“ Er hofft, dass es dann gelingt, die physikalischen Gegebenheiten bei der Vermengung der Bestandteile zu dem neuen Kraftstoff zu erklären.

Unternehmer Witte hofft auf eine Bestätigung der Ergebnisse durch den Dauertest. Wie hoch der wirtschaftliche Nutzen sein könnte, „müssen wir dann sehen, aber auf jeden Fall wird es eine Kostensenkung geben“.

Die Papenburger Firma egm sieht in der Zusammenarbeit mit Witte die Chance, einen weiteren Nachweis für die Effizienz des „Papenburger Kraftstoffs“ zu erbringen. egm-Geschäftsführer Wolfgang Gesen: „Aus unserer Sicht besteht durch die Streckung des Rapsöls weltweit erstmals die Möglichkeit, sich mit einem aus alternativer Energie erzeugten Strom dem Wettbewerb von konventionell erzeugter Elektrizität aus Kernenergie oder Braunkohle zu stellen.“

Die Berechnungen hätten ergeben, dass ein Erzeugungspreis des „Papenburger Kraftstoffs“ von unter vier Cent je Kilowattstunde möglich sei. Zudem würden keine Folgekosten, wie beispielsweise bei Kernkraft, auftreten. Gesen: „Wir sind deshalb so optimistisch, weil die Energiebilanz unseres Verfahrens positiv ist.“ Gleichwohl stehe auch für ihn fest, dass „wir die Kirche im Dorf lassen müssen, denn wir stehen erst am Anfang der Entwicklungen“.

Es sei erforderlich, die Forschung mit der Wirbelwandler-Technologie weiter voranzutreiben. Gesen versteht die Skepsis der Wissenschaftler. „Auch wir können die chemischen und physikalischen Abläufe in dem von uns erzeugten künstlichen Wirbel nicht nachvollziehen. Fest steht für uns, dass sich die Molekularstruktur verändert hat, und ein Gemisch entsteht, das energetisch hervorragend zu verwerten ist.“

Hinsichtlich der Weiterentwicklung des Wirbelwandlers, der Erforschung weiterer Nutzungsmöglichkeiten und der wissenschaftlichen Analyse der Vorgänge sollen in den kommenden Monaten die Weichen gestellt werden. Gesen: „Wir sind bis heute ohne jegliche Forschungsgelder ausgekommen. Für die nächsten Schritte sind wir mit Partnern im Gespräch.” Einer der potenziellen Partner sind die Vereinigten Arabischen Emirate. Gesen: „Die Verhandlungen verlaufen vielversprechend.“ Wann mit einem Ergebnis zu rechnen sei, ließ Gesen offen.


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