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„Löwenzahn war für mich ein einziger Glücksfall“


„Eine Latzhose – das ist was fürs Leben.“ Peter Lustig hat diesen Satz gesagt, und er kann ihn beweisen. Schon als kleiner Junge trug er oft eines dieser „Platz-Wunder“, auf Fotos ist das bestens zu sehen. Bis heute hat sich an Lustigs Liebe zum Latz nichts geändert: In seinem Schrank hängt sogar ein schwarzes Exemplar, „für die traurigen Gelegenheiten des Lebens“. Mit seinen Beinkleidern wird der 67-Jährige vermutlich niemals brechen, wohl aber mit dem ZDF-Klassiker Löwenzahn: Im Herbst ist Schluss mit Lustig – Peter schaltet ab, er hört auf als bastelnder Weltenentdecker. Nach 25 Jahren verlässt der inzwischen mehrfache Großvater seinen Bauwagen. Viel ist hineininterpretiert worden in die Sendung mit den renitenten gelben Blumen, wohl zu viel. Sicher ist eines: Latzhose und Bauwagen waren ein faszinierender Lebensentwurf.

In einem Restaurant in Berlin-Mitte. Peter Fritz Willi Lustig – und das ist kein Künstlername – bestellt frischen Spargel mit Schinken und Butter, dazu einen Rotwein, und beginnt über alte Zeiten und neue Vorhaben zu erzählen. Zum Beispiel darüber, wie er vor die Kamera kam: Als gelernter Tontechniker und studierter Elektro-Ingenieur hatte er zwar schon für Fernsehen und Radio gearbeitet und später ein in Fachkreisen viel beachtetes Fachbuch („Der gute Ton“) verfasst. Er begleitete einst sogar den damaligen US-Präsidenten John F. Kennedy während dessen Deutschland-Reise, und für eines der Mikrofone, in die Kennedy „Ich bin ein Berliner“ sprach, war Lustig verantwortlich.

Aber erst, als ein befreundeter Regisseur für eine Sprechprobe einen Pausenclown vor der Kamera suchte, und Lustig sich – begleitet von witzigem Kommentar – Eier und eine Schwarzwälderkirsch-Torte auf die Halbglatze fallen ließ, offenbarte sich sein Talent fürs Darstellerische. Es folgte eine Nebenrolle in der „Sendung mit der Maus“, dann die ersten Folgen von „Pusteblume“, dem Vorläufer von „Löwenzahn“. Dem damaligen Produzenten schlug er selbstbewusst einen Herzenswunsch ab, indem er sich weigerte, „nur wegen der besseren Optik“ eine Perücke zu tragen. „Das wäre nicht ich gewesen“, sagt Lustig.

1980 begannen die Arbeiten für „Löwenzahn“, das damit seit 25 Jahren zu den erfolgreichsten Kindersendungen Deutschlands zählt. Erstausstrahlungen erreichten oft Marktanteile von 40 Prozent bei den Zuschauern zwischen drei und dreizehn. „Wenn man alle Wiederholungen mitrechnet, wird jede Folge von fünf Millionen Kindern und Erwachsenen gesehen“, betont Lustig stolz. Seine Rolle beschränkte sich nie nur auf die Arbeit des Moderators. Lustig ist auch Autor und Co-Autor im ZDF-Löwenzahn-Team, hat die Drehbücher für manche Sendung ganz allein geschrieben. Ein Teil der Einrichtung des legendären blauen Bauwagens gehört ihm, und Klaus-Dieter, die sprechende Ukulele mit den Glühbirnenaugen, hat er selbst gebaut.

Am Sonntagmorgen gibt es um 8.45 Uhr eine Kurzreportage zum Film „Reise ins Abenteuer“, danach wird die Löwenzahn-Folge „Ein neues Zuhause“ wiederholt. Sie stammt aus der ersten Staffel von 1980 und zeigt, wie Peter Lustig seinen neuen Bauwagen einrichtet. Sein Problem: Er wünscht sich Wohnzimmer, Bad und Küche – aber es passt einfach nicht alles rein. Also verlegt er die Badewanne nach draußen und baut sich ein Bett, das er morgens mit einem Seil an die Wand hochziehen kann. So gewinnt er Platz für sein Wohnzimmer und den Schreibtisch.

Es folgt die erste und gleichzeitig auch letzte Löwenzahn-Folge im Spielfilm-Format. In 68 Minuten erzählt Autor Kai Rönnau, wie Peters Bauwagen-Idylle zu zerbrechen droht. Der Bauunternehmer Bunkenburg (gespielt von Dietmar Bär) will im Bärstädter Elchwinkel, also dem Stadtteil, in dem Peters Bauwagen steht, den „Bärstadt-Tower“ bauen. Alle Grundstücksbesitzer sind nun im Weg – auch Peter. Der sträubt sich sehr gegen seinen Auszug, aber das Angebot von Bunkenburg ist zu verlockend: Peter bekommt ein Schloss, wenn er mitsamt Bauwagen verschwindet.

Peter hängt also seinen Bauwagen an einen Trecker (den Lustig eigens für die Dreharbeiten in Ostfriesland besorgt hat) und fährt zum Schloss. Doch die Enttäuschung ist groß: Statt eines traumhaften neuen Domizils findet er eine Ruine vor – Bunkenburg hat ihn übers Ohr gehauen. Zwar betont der Privatmann Peter Lustig immer wieder, Löwenzahn sei nicht politisch. Wer aber in dieser Fernsehgeschichte einen Beitrag zur aktuellen Kapitalismus-Debatte enddeckt, könnte trotzdem irgendwie richtig liegen.

Nach der „Reise ins Abenteuer“ ist dann wirklich fast Schluss mit Peter Lustig. Es folgt noch ein kurzer Videoclip, der mit Knetgummifiguren gedreht wurde (womit auch sonst) und in dem Peter eine Geburtstagstortenmaschine baut. Aber was kommt dann? Noch ein paar neue Löwenzahn-Folgen aus dem Jahr 2005, die bereits fertig gestellt sind, bis 2006 noch einige Wiederholungen. Und dann kommt der Neue.


Das kleine Löwenzahn-ABC
Bärstadt: Peters Heimat, gemeint ist eigentlich Berlin. Die deutsche Hauptstadt trägt den Bären im Wappen.

Bauwagen: Ist immer blau, hat vier Räder und eine Badewanne vor der Tür. Wer vom Dach aus Sterne gucken will, muss eine Treppe aus alten Stühlen benutzen.

Latzhose: Kleidungsstück mit Charakter.

Löwenzahn: Hieß mal Pusteblume und war auch eine Sendung mit Peter Lustig. Gut geeignet als Anschauungsobjekt für die Lehre vom Unkraut, belebt den Markt für Bekämpfungsratgeber. Wer den echten Löwenzahn liebt, ist im Wortsinne liberal. Sein Geheimnis ist die lange Pfahlwurzel.

Klaus-Dieter: Sprechende Ukulele. Die Urform der kleinen Gitarre kommt aus Hawaii.

Paschulke: Peters Nachbar. Er mag keinen Löwenzahn.


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