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1985:Glykol im Edeltropfen Frostschutz im Wein – Die Mutter aller Lebensmittelskandale

Von Dr. Jörg Zittlau

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Das schlug dem Fass den Boden aus: Frostschutz-Auslese in ihren Weinkellern empörte 1985 die Bundesbürger. Illustration: Waltraud MessmannDas schlug dem Fass den Boden aus: Frostschutz-Auslese in ihren Weinkellern empörte 1985 die Bundesbürger. Illustration: Waltraud Messmann

Bremen. War es die Gier, oder die bloße Gedankenlosigkeit? Oder beides? Die österreichischen Finanzbeamten wurden jedenfalls skeptisch, als ein Winzer aus dem Burgenland in seiner Steuererklärung für 1984 hektoliterweise Glykol von seiner Steuer absetzen wollte. Denn der Mann hatte nur einen einzigen Trecker, für den er - zumindest aus technischer Sicht - das Frostschutzmittel hätte gebrauchen können. Also gingen die Beamten der Sache nach. Ihre Entdeckung: Das Glykol wurde gar nicht für den Fuhrpark, sondern zum Süßen des Weins benötigt. Im April 1985 begann dadurch einer der größten Lebensmittelskandale überhaupt. Seine Auswirkungen reichen bis heute.

Diethylenglykol, so die chemisch korrekte Bezeichnung, ist ziemlich giftig, aber eben auch extrem süß. Und so war die Versuchung für einige österreichische Winzer wohl zu groß, ihre Weine mit dem zweiwertigen Alkohol auf lieblich zu trimmen. Der Skandal schwappte schließlich auch nach Deutschland, weil hier süße Weine besonders gut ankommen und daher einheimische Weinsorten gerne mit den lieblichen Pendants aus Österreich vermischt wurden. Bei den üblichen Überprüfungen fiel das zunächst nicht weiter auf, denn dort hatte man lediglich Zucker im Visier, aber kein Frostschutzmittel.

Nach den ersten konkreten Hinweisen änderte sich das jedoch. Mehre Millionen Liter Wein wurden aus dem Verkehr gezogen, bei einer Sorte hatte man 48 Gramm Glykol gefunden. Solchen Mengen können durchaus Nieren, Leber und Hirn schädigen, doch glücklicherweise kam es nicht dazu. „Gesundheitliche Auswirkungen als Folge des Konsums von Glykolwein wurden nicht bekannt“, resümiert die Wiener Drogenexpertin Irmgard Eisenbach-Stangl.

Einige Konsumenten klagten zwar unmittelbar nach dem Bekanntwerden der Panschereien über Schwindel und Benommenheit, wenn sie Wein getrunken hatten - doch das lag vermutlich eher an dessen ganz normalen Alkoholgehalt.

Wirtschaftlich, juristisch und auch persönlich waren die Auswirkungen jedoch enorm. Die Hauptverantwortlichen wurden verhaftet, es gab Selbstmorde und Haftstrafen bis zu acht Jahren. Die Weingesetze in Österreich wurden verschärft, gelten seitdem als die strengsten der Welt. Viele Bauern machten pleite, und weil zeitgleich mit dem Skandal auch noch die Ernte insgesamt sehr mäßig ausfiel, stiegen die Weinpreise in astronomische Höhen.

„Der Verbraucherpreis von zwei Liter Weißwein stieg 1986 gegenüber 1985 zum 30 Prozent“, berichtet die Wiener Expertin Eisenbach-Stangl. Die Konsumenten hielten sich daraufhin natürlich erst einmal zurück, denn sie wollten nicht auch noch viel Geld für eine Skandalware bezahlen.

Aber 1988 hatte sich der Weinverbrauch wieder erholt, und die Verbraucher hatten sich sogar mit den höheren Preisen arrangiert. Aus dem Wein als Massendroge war ein exquisites Genussmittel geworden, für den man auch durchaus mehr Geld zahlen wollte, sofern seine Qualität stimmte. Für Suchtbekämpfer wie Eisenbach-Stangl war dies eine durchaus begrüßenswerte Entwicklung.

Mittlerweile ist der Trend jedoch - zumindest in Deutschland - wieder gekippt. Nirgendwo wird mehr Billigwein getrunken als zwischen Flensburg und Konstanz. Discounter und Verbrauchermärkte konnten ihren Marktanteil auf über 60 Prozent aller in Deutschland verkauften Weine steigern. Die Edeltropfen werden zwar viel besprochen, spielen aber tatsächlich nur eine Außenseiterrolle.

An einem Wein für 2,99 Euro kann ein Winzer jedoch kaum noch verdienen; es sei denn, er drückt die Herstellungskosten mit allen Mitteln. Genau diese Konstellation - mangelndes Qualitätsbewusstsein des Konsumenten auf der einen, und existenzielle Sorgen auf der Winzerseite - mündeten seinerzeit in den Glykolskandal.


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