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Psssssst! Künast macht’s – so heißt es in Berlin Diese Frau ist auf dem Sprung

Von Beate Tenfelde

Sie kann auch Kanzlerin – davon ist Grünen-Fraktionschefin Renate Künast (links) überzeugt. Erst einmal kandidiert sie wohl für das Amt des Berliner Regierungschefs.Foto: dpaSie kann auch Kanzlerin – davon ist Grünen-Fraktionschefin Renate Künast (links) überzeugt. Erst einmal kandidiert sie wohl für das Amt des Berliner Regierungschefs.Foto: dpa

Berlin. Psssssst! Künast macht’s – Berliner Grüne plappern aus, wozu Renate Künast eisern schweigt: Die Parteifreunde der Grünen-Fraktionschefin im Bundestag lassen keinen Zweifel daran, dass die 54-Jährige den amtierenden Berliner Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD) im nächsten Jahr herausfordern wird.

Sehr aufgeräumt spricht Künast mit unserer Zeitung – das Thema Integration liegt ihr am Herzen, das Thema Kandidatur in Berlin bleibt dagegen tabu. Wenige Kilometer entfernt setzt unterdessen eine lapidare Mitteilung wochenlangen Spekulationen ein Ende. „Wir werden dort niemanden enttäuschen“ – so vielsagend kommentiert der Berliner Grünen-Sprecher Andre Stephan die Versendung von Einladungen für einen Mitgliederabend am 5. November.

Künast will kommen – wie auch zum Landesparteitag zwei Tage später. Mehr ist nicht zu erfahren. Mit Geheimnistuerei will sie offenbar die Spannung aufrechterhalten. Aber: Wäre sie nicht bereit, hätte die machthungrige Juristin schon längst abgewunken.

Die Chancen für sie stehen gut. In Berlin, Künasts Heimatstadt seit 33 Jahren, kämen die Grünen nach Forsa-Umfragen auf 30 Prozent. Wowereits SPD landet bei 26 Prozent. Künast könnte ihre Partner wählen. Die Landes-CDU funkt bereits: Wir sind bereit. Struppige Igelfrisur, kantiges Kinn, wache Augen: Die Schnelldenkerin ist immer auf dem Sprung und hat es gelernt, sich durchzuboxen. Geboren in Recklinghausen als Tochter eines Kfz-Mechanikers und einer Hilfsschwester, besucht sie gegen elterlichen Widerstand die Realschule, um später die Fachhochschulreife nachzulegen. Als Sozialarbeiterin arbeitet sie in der Justizvollzugsanstalt Berlin-Tegel, studiert Jura, wird Anwältin.

1979 tritt sie bei der Grün-Alternativen Liste (GAL) ein. In den Jahren 2000 und 2001 ist sie Bundessprecherin der Grünen. Als Verbraucherministerin von 2001 bis 2004 im Kabinett des SPD-Kanzlers Schröder drückt sie mit Leichtigkeit und schnörkelloser Sprache einem Ressort den „Öko-Stempel“ auf, das bis dahin Unionspolitikern im Trachtenanzug vorbehalten war. Seit 2005 ist sie zusammen mit Jürgen Trittin Chefin der Bundestagsfraktion. Die Konkurrenz zwischen beiden ist groß. Die 54-Jährige traut sich viel zu. Hat sie das Zeug zur Kanzlerin? Künasts Antwort fällt kurz aus: „Ja.“

Als Linke gestartet, hat sich Künast zur Pragmatikerin entwickelt. „Ich will ran an das kreative Bürgertum“, lässt sie vor der Bundestagswahl vor einem Jahr wissen. Dezente Hosenanzüge, Perlen im Ohr – äußerlich ist sie in der Mitte angekommen.

Von den Wählern gibt es reichlich Zuneigung, die Bosse auf dem Jahreskongress des Bundesverbandes der Industrie sind zugeknöpft. Sie werfen den Grünen Desinteresse und doppeltes Spiel vor: Diese wollten zwar erneuerbare Energie, stützten aber Demonstranten, wenn es um den Bau von Stromleitungen gehe. „Ich erwarte keinen Applaus, würde aber welchen nehmen“, geht Künast sofort zum Angriff über. Nun ist Klaus Wowereit das Ziel.