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Straffreie Gottesdienste seit 200 Jahren

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Pastor Arne Schipper präsentiert zum Festgottesdienst am Sonntag den Druck zur Kirchengeschichte seit der Reformation. Im Hintergrund das erste Gemeindehaus, heute das „Haus der Begegnung“. Foto: Bärbel Recker-PreuinPastor Arne Schipper präsentiert zum Festgottesdienst am Sonntag den Druck zur Kirchengeschichte seit der Reformation. Im Hintergrund das erste Gemeindehaus, heute das „Haus der Begegnung“. Foto: Bärbel Recker-Preuin

Der 26. November ist ein bedeutender Tag für die evangelische Kirchengemeinde Belm, vielleicht sogar der wichtigste. Zwar sind auf diesen Tag weder die eigentliche Gründung der Gemeinde noch der Kirchenbau datiert, dennoch hat beides seinen Ursprung am 26. November. Vor 200 Jahren feierten die evangelischen Christen in Belm ihren Gottesdienst, den ersten offiziell genehmigten und straffreien. Bis dahin hatte sie über 150 Jahre um die Ausübung ihrer Konfession kämpfen müssen.

Pastor Arne Schipper präsentiert ein druckfrisches Exemplar einer Niederschrift. Die linken Seiten sind per Hand in „deutscher Schrift“ beschrieben, voll mit Anmerkungen und Korrekturen. Diese Zeilen schrieb der damalige Pastor Mahler zur Hundert-Jahr-Feier der Kirche im Jahr 1919. Auf den rechten Seiten steht das Gleiche, die Übersetzung für jeden lesbar und in Computerschrift. Dass am kommenden Sonntag, 29. November, um 10 Uhr im Festgottesdienst neben dem ersten Advent zwei weitere Ereignisse gefeiert werden, kam so:

Seit 1150 dürfte es in Belm eine Kirche gegeben haben, wie erste Aufzeichnungen belegen. Mitte des 13. Jahrhundert wurde die heutige katholische St.-Dionysius-Kirche am Thie gebaut. Nach dem 30-jährigen Krieg wurde Belm zum katholischen Kirchspiel erklärt, obwohl die Mehrheit der Bevölkerung dem evangelischen Glauben angehörte.

Damit begann die Zeit des eingeschränkten und sogar verbotenen Glaubenslebens für die Protestanten. Öffentliche Gottesdienste waren untersagt und sogar unter Strafe gestellt, zum Beispiel, wenn evangelische Andachten auf dem Gut Astrup bekannt wurden. Den evangelischen Christen blieb nichts anderes übrig, als zu den Gottesdiensten bis nach Schledehausen oder Achelriede zu reisen. Etliche Versuche, das Bistum umzustimmen, scheiterten. Auch das erhoffte und im Nachbarkirchspiel Schledehausen praktizierte Simultaneum, die Nutzung des Gotteshauses für beide Konfessionen, wurde den Belmern verboten.

Erst 1809 übte der Konsistorialrat Lasius so viel Einfluss im Bistum aus, dass vom Präfekten die Erlaubnis erteilt wurde, „der freien Ausübung ihrer Religion in ihrem privatären Schulhause vornehmen zu dürfen“, Die versprengte Gemeinde beeilte sich, schon am darauf folgenden Sonntag, dem 26. November 1809, wurde im Schulhaus Gottesdienst gefeiert und der Versammlungsort als „Bethaus“ eingeweiht. Damit war der Weg zur Gründung einer evangelischen Kirchengemeinde in Belm frei. 1812 wurde Lasius der erste Pastor in Belm, das Gemeindehaus entstand 1813, und 1819 konnte die Christuskirche geweiht werden.

Dass der damalige Pastor Mahler zum hundertjährigen Jubiläum der Kirche im Jahr 1919 die Geschichte seit der Reformation detailliert aufschrieb, kam vor zwei Jahren durch einen Zufall ans Licht. In den Unterlagen des Posaunenchores fanden sich die handschriftlichen Aufzeichnungen, die von den Bläsern schnell als wertvolles Dokument der Zeitgeschichte erkannt wurden.

Gemeindeglieder machten sich darauf an die mühevolle Arbeit, die Sütterlin-Schrift zu übertragen und die zahlreichen Randnotizen Mahlers einzufügen. Diese ebenfalls handschriftliche Übersetzung wurde dann digitalisiert und liegt jetzt als Faksimile mit der alten Schrift Pastor Mahlers vor.


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