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Oliver Mommsen über Gefühlsausbrüche und Gesichtsgulasch „Im Kino kann ich richtig flennen“

Eine kleine Kneipe in Kreuzberg. Längst hat der ehemalige Salem-Schüler Oliver Mommsen mit seiner Frau und den beiden Kindern in diesem Kiez Wurzeln geschlagen. Das Fernsehpublikum kennt ihn als Bremer „Tatort“-Kommissar Stedefreund, doch an diesem Sonntag macht er dem „Tatort“ Konkurrenz – als Hauptdarsteller der ZDF-Schmonzette „Der Zauber von Neuseeland“. Im Interview spricht er offen über Zusammenbrüche, Tränen im Kino und „Gesichtsgulasch“:

Herr Mommsen, hier in Kreuzberg schlägt das Herz der Berliner Piratenpartei. Sind Sie auch so ein Seeräuber?

Ich war kurz davor, habe dann aber doch den sichereren Weg gewählt. Ich wollte unbedingt die Linken aus der Regierung raus und die Grünen drin haben. Deshalb habe ich die Grünen dann auch gewählt. Mir hat die Dynamik, die von den Piraten ausgegangen ist, gefallen, aber ich glaube dennoch: Würde noch mal gewählt, dann würden viele, die den Piraten die Stimme gegeben haben, jetzt die Grünen wählen. Aber die Anarcho-Geschichte, diese David-gegen-Goliath-Nummer hat mir schon gefallen. Vielleicht haben wir da ja die neuen Grünen.

 

Dafür müsste aber noch ein bisschen dazukommen.

Na ja, die gehen jetzt alle in Seminare für Lokalpolitik – nach dem Motto „Wie geht denn das – Politiker in 17 Tagen?“, und dann geht’s los (lacht). Allgemein bin ich aber eher ein unpolitischer Mensch. Mir reicht eigentlich meine kleine Familienpolitik und meine kleine Lebensphilosophie, für mehr ist mein Tag zu kurz.

 

Ein kleiner Pirat steckt aber schon in Ihnen, oder?

Natürlich. Wenn Sachen in geraden Schienen zu laufen scheinen, schubs ich gerne mal ein bisschen, um zu sehen, ob das auch wirklich hält. Wenn alle einer Meinung sind, muss es auch einen geben, der sagt: Es geht aber auch anders. Dummerweise treibe ich dieses Spielchen nach dem einen oder anderen Bierchen auch mal ein bisschen zu weit. Ich habe mir schon mit meinen besten Freunden die Köpfe eingeschlagen, weil ich dann einfach nicht aufhören kann.

 

Im wahrsten Sinne des Wortes?

Ja, im wahrsten Sinne des Wortes. Ich werde in solchen Situationen zum Wadenbeißer. Das ist sehr unangenehm, aber ich arbeite daran.

 

Sie haben schon mal Teile einer Wohnungseinrichtung aus dem Fenster befördert.

Ich habe nun mal ein gewisses Temperament und habe einiges getan für die Vita, die ein Schauspieler so braucht. Ich bin das lebende Klischee.

 

Machen das nicht eher Rockmusiker?

Ich auch. Damals kam ich frisch von der Schauspielschule und hatte ein Engagement an der Komödie am Kurfürstendamm. Und da bin ich mit Barbara Schöne, einer älteren und erfahreneren Kollegin, schon beim ersten Probentag in den Clinch gegangen. Nach der 63. Vorstellung waren wir dann so ineinander verkeilt, dass ich kein anderes Ventil mehr gesehen habe, als mit meinen Armen die Fensterscheiben einzuschlagen und meinen Fernseher und Videorekorder rauszuschmeißen. Das war ein richtiger Nervenzusammenbruch.

 

Aus dem wievielten Stock haben Sie die Sachen geworfen?

Erster Stock. Die Leute im Hof daneben konnten sehen, was ich machte – da sammelte sich schnell eine Bande von Jungen –, und ich fing auch noch an, große Reden zu schwingen: „Schmeißt euren Fernseher weg! Das ist nicht die Realität! Alles Augenwischerei! Ihr braucht Klarheit! Was wollt ihr denn noch?“ Da rief dann einer: Ick will deinen CD-Player! Ich nahm also den CD-Player – und dann hielt ich inne und sagte mir: Nein! Musik ist wichtig, Musik geht in die Seele. Ganz ehrlich: Damals hatte ich dermaßen einen an der Klatsche. Aber ich habe daraus gelernt.

 

Was denn?

Dass dieses „Du musst funktionieren“ mir fast das Genick gebrochen hat. Direkt nach dem Vorfall hat man mich in die Klapse eingewiesen, aber nachmittags schon wieder entlassen, weil wir ja abends eine Vorstellung hatten. Die habe ich dann auch mit verbundenen Armen und vollkommen neben der Kappe gespielt. Ich habe dennoch daraus gelernt: Du darfst auch mal k. o. sein und sagen: Stopp. Auch ein Schauspieler darf sich mal beim Arzt einen gelben Schein holen, davon geht die Welt nicht unter.

 

Haben Sie denn damals ausgesetzt?

Ja, ein Kollege hat übernommen. Er hat einen Abend mit Buch gespielt und danach die Rolle draufgehabt. Die Karawane zieht dann auch weiter, man ist nicht unersetzbar – egal, ob man’s jetzt positiv oder negativ sieht. Heute erkenne ich meine Warnsignale besser: Wenn ich zu viel schlucke und zu lange lieb gewesen bin, geht’s irgendwann schief. Ich muss rechtzeitig Dampf ablassen.

 

Für einen Schauspieler keine leichte Erkenntnis, oder?

Manche Leute meinen zwar, wir leben auf dem roten Teppich, hauen uns Champagner in die Birne und vögeln Groupies, aber im Endeffekt ist der Beruf eine hochdisziplinierte Angelegenheit. Da kann schon mal Hochdruck entstehen.

 

Haben Sie eigentlich jemals wieder mit Barbara Schöne zusammengearbeitet?

Das war witzig: Ich habe Jahre später für Sat.1 den Film „Tote Hose – Kann nicht, gibt’s nicht“ gedreht. Und beim Warm-up vor dem Dreh sehe ich im Produktionsbüro, wo die Fotos der ganzen Schauspieler hingen, dass Barbara Schöne meine Mutter spielen soll. Ich habe sofort gesagt „Das geht gar nicht, wir zerfleischen uns“. Als Antwort hörte ich nur „Das ist doch schon ein paar Jahre her, Ihr macht das schon“. Wir haben dann den Drehtag professionell bewältigt, und abends bin ich nach ein paar Bier zu ihr hin und hab so gesagt „War ja schon ne harte Zeit damals“. Woraufhin sie nur sagte „Ja, Du hattest ja wirklich nicht mehr alle Tassen im Schrank“. Darauf ich: „Hast Du nicht kapiert, dass Du mich gequält hast?“ Wir haben uns dann ausgesprochen und festgestellt, dass damals Dinge zusammengekommen sind, die überhaupt nicht zueinanderpassten. Wenn man jeden Abend zusammen auf der Bühne steht und nicht miteinander klarkommt, kann es richtig gefährlich werden.

 

Solche Geschichten erwartet man gar nicht von jemandem, der Eliteinternate wie Schloss Salem und Louisenlund besucht hat.

Fragen Sie mal meine Lehrer. Ich habe schon immer viel Aufmerksamkeit beansprucht.

 

Was hat Sie überhaupt dahin verschlagen?

Der Lebensmittelpunkt meiner Eltern hat sich immer mehr nach Südfrankreich verlagert, weil mein Stiefvater Ingo Buding und seine Familie dort ein Tennishotel betrieben. Meine Mutter wollte aber, dass ich ein deutsches Abitur mache. Und sie selbst war auch auf einem Internat gewesen und hat das als eine ganz tolle wertvolle Zeit erlebt.

 

Und deshalb musste es gleich Schloss Salem sein?

Daran haben vor allem mein Vater, mein Stiefvater und meine Oma gestrickt. Dass ich dann so schnell wieder rausgeflogen bin, war allerdings nicht so geplant.

 

Darf ich fragen, warum Sie dort wieder rausgeflogen sind?

Dürfen Sie, aber Sie bekommen keine Antwort (lacht). Irgendwas habe ich wohl im Kleingedruckten überlesen. Sagen wir es so: Ich fand alles so toll und habe so viel Spaß gehabt, dass ich völlig vergessen habe, dass es auch eine Struktur und Regeln gibt. Irgendwann hat sich dann die Schulleitung von mir getrennt.

 

In Louisenland....

...war man dann so liberal zu sagen: Wir nehmen dich trotz dieser Vorgeschichte auf. Da habe ich es dann auch geschafft, mein Abitur zu machen – wobei mich vor allem meine Mitgliedschaft in der Theater-AG gerettet hat. Unser Schulleiter Tönnjes, ein großartiger Mann, sagte damals zu mir: „Herrr Mommsen, ich würde Sie sofort von der Schule schmeißen, aber Sie spielen ja die Hauptrolle in unserem Theaterstück. Jetzt reißen Sie sich zusammen, verdammt noch mal!“

 

Ihr Sohn ist 14, ihre Tochter 8 Jahre alt. Die beiden verbringen hier in Berlin eine total andere Jugend als ihr Vater.

Ja, das sind echte Stadtkinder. Ich habe mich ganz bewusst gegen ein Internat entschieden, denn die ganzen endlosen Gespräche, Ermahnungen und Kämpfe, die ich mit großartigen Pädagogen ausgetragen habe, möchte ich selbst mit meinen Kindern machen. Ich möchte dabei sein, wenn Oskar zum ersten Mal betrunken bei uns durch die Tür torkelt, ihn dann morgens um sechs Uhr wecken und zum Tennisspielen mitnehmen und danach Kreuzworträtsel lösen. Ich bin gerne „am Kind“, kann man sagen.

 

Das Fernsehpublikum hat Sie als netten jungen Mann im weißen Kittel kennengelernt und sieht Sie seit zehn Jahren als Stedefreund im Bremer „Tatort“. An diesem Sonntag aber machen Sie dem „Tatort“ Konkurrenz – als Hauptdarsteller der ZDF-Schmonzette „Der Zauber von Neuseeland“.

Nein, sooo nicht, Herr Schmitz (lacht). Diese beiden Sendeplätze am Sonntagabend haben ihr ganz eigenes Publikum. Die Wanderungen vom Ersten ins Zweite und umgekehrt sind kaum wahrnehmbar. Die „Tatort“-Fans werden es gar nicht mitbekommen, dass ich im ZDF zu sehen bin. Es sei denn, da fällt einem die Fernbedienung runter und springt auf die 2. Dann denkt er wahrscheinlich: Was ist das denn? Da läuft ja ein Bremer „Tatort“. Oder ist es ein Kölner „Tatort“?

 

Da ist ja auch die Tessa Mittelstaedt...

Stimmt, die Kölner „Tatort“-Assistentin hat neben Ihnen die zweite Hauptrolle.

 

Schon merkwürdig, Herr Mommsen.

Wir haben total darüber gelacht. Wir haben uns erst am Flughafen kennengelernt und dann gleich 16 Stunden nebeneinandergesessen., das fand ich sehr mutig von der Produktion. Hätte ja auch sein können, dass wir aus dem Flieger aussteigen und sagen: Mit uns beiden geht das schon mal gar nicht. Aber wir haben uns bestens unterhalten auf dem Weg zum anderen Ende der Welt.

 

Sieben Wochen Neuseeland, kein schlechter Arbeitsplatz.

Ein Geschenk. Ich war noch nie so weit weg, weiter weg geht’s ja auch nicht auf diesem Planeten. Es relativiert das eigene Leben total, die ganzen Kleinigkeiten spielen überhaupt keine Rolle mehr an einem Ort, an dem die Leute gerade mal von Berlin gehört haben.

 

Gab’s denn auch ein anständiges touristisches Begleitprogramm zur Arbeit?

Wir waren in Auckland auf der Nordhalbinsel, ich habe von meinem Hotelzimmer im 17. Stock aufs Meer und die Vulkane geblickt. Und leider schnell festgestellt, dass es für die Südhalbinsel nicht reichen wird. Ich habe mir dann die Strände in der Gegend um Auckland angesehen, und ich kann Ihnen sagen: Ich stand allein und schreiend vor Freude da und habe es kaum fassen können, wie schön das ist.

 

Wenn man die Bilder des Films sieht, will man sofort die Koffer packen – und wenn man auf die Handlung achtet, will man sofort umschalten.

(lacht). Wir haben alle gekämpft wie die Stiere, wir haben uns an ganz vielen Stellen um mehr Glaubwürdigkeit bemüht. Wir haben sogar manche Szenen entwickelt, in denen Humor vorkommt. Aber wenn man so eine Rolle in einem ZDF-Sonntagsfilm annimmt, dann weiß man, dass es jetzt nicht zum Edel-Italiener geht, sondern in den Europapark Rust. Da ist alles richtig schön bunt und in Farbe. Es gibt auch ein gar nicht so kleines Publikum, das konfliktfreie Geschichten in schönen Landschaften sehen will. Das heißt aber nicht, dass man solche Filme nicht glaubwürdiger machen kann. Denn ich lasse es nicht zu, wenn behauptet wird, der Zuschauer sei doof.

 

Zufriedenheit klingt aber anders.

Ich bin nicht ganz zufrieden. Eigentlich dachte ich, es mehr geknackt zu haben, bin aber doch in einige Fallen hineingestiegen. Wahrscheinlich hätte ich noch mehr aufpassen müssen, dann hätte ich es so gut schaffen können wie Elisabeth Trissenaar, die meine Mutter spielt. Mir sind bei meinem Duncan ein paar Sachen ausgerutscht, die ich so nicht noch mal machen würde.

 

Zum Beispiel?

Die Szene am Strand, in der die große Wahrheit ans Licht kommt. Das kann man definitiv schlanker spielen, aber ich habe Gesichtsgulasch draus gemacht. Das ist unter aller Kanone.

 

Tschuldigung, wenn ich jetzt lache. Lassen Sie uns lieber übers Weinen reden. Sie machen kein Hehl daraus, dass Sie im Kino auch mal eine Träne verdrücken.

Ja, und Romantic Comedys erwischen mich am ehesten. Da kann ich die Uhr nach stellen. Das ist die perfekte Mischung von Kunst und Kitsch, davon lasse ich mich gerne verführen. Bestenfalls lassen großartige Schauspieler mit einem Riesenspaß und schnellen klugen Dialogen Welten entstehen, in denen es eine ordentliche Portion Kitsch gibt und auch die Moral an der richtigen Stelle sitzt. Da kann ich richtig flennen im Kino.

 

Jetzt will ich Filmtitel hören.

Meine liebsten Romantic Comedys sind „E-Mail für Dich“, „Schlaflos in Seattle“ , „Harry und Sally“ und – ja, ich gebe es zu: „Pretty Woman“.

 

Vielleicht auch ein deutscher Film?

Schwierig. So richtig geknackt haben wir die Romatic Comedy noch nicht, bei uns gibt’s immer Liebe mit ein bisschen lustig, aber das ist was anderes. Ich hätte aber Riesenbock, mal eine Romantic Comedy zu machen.

 

Für „Tatort“-Fans noch eine Frage zu Stedefreund: Stört Sie eigentlich das Etikett „Der ewige Assistent“?

Nicht, solange man es mir nicht zigmal am Tag sagt. Ich hatte meine Krise ja schon, und ich hatte mittlerweile auch einige Fälle, in denen ich in den Vordergrund durfte. Man hat mir aber auch klargemacht: Wir haben dieses Assistenzgefälle, und daraus ziehen wir enorm viel Potenzial. Das konnte ich schlucken und fühle mich nicht in der zweiten Rolle. Wir haben noch Geschichten zu erzählen und Schätze zu heben. Und wenn man das nach zehn Jahren sagen kann, ist doch alles okay.


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