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Ende einer musikalischen Eiszeit

Dreißig Jahre hat sich die Islamische Republik Iran musikalisch vom Rest der Welt weitgehend abgeschottet. Am Mittwoch ging diese Phase zu Ende - mit einem überwältigenden Erfolg des Osnabrücker Symphonieorchesters bei seinem Konzert in der Talar Vahdat, der Konzerthalle im Süden Teherans.

Schon am Vortag waren die Karten restlos weg - was Michael Dreyer mit Freude feststellte. Ein Jahr lang hatte der Leiter des Morgenland Festivals zusammen mit dem Orchestervorstand Christian Heinecke gekämpft, um mit einem Konzert des Osnabrücker Symphonieorchesters die musikalische Eiszeit im Iran zu beenden. Vorbehalte und Widerstände galt es dabei nicht nur auf iranischer Seite zu überwinden, sondern auch bei den Musikern. Die problematische politische Situation im Iran war ein gewichtiges Argument gegen die Tournee, die schwierigen Verhandlungen mit den Vertretern des Ershad-Ministeriums, des Ministeriums für Kultur und islamische Führung, ein weiteres. Da kam die Nachricht vom ausverkauften Saal natürlich recht.

Welche Brisanz dem Konzert beigemessen wurde, sah man am Mittwochabend im pompösen Saal der Vahdat-Halle. Etliche Fernsehteams hatten ihre Kameras in Stellung gebracht, und unablässig klickten die Fotoapparate der Pressefotografen aus aller Welt, als wollten sie Ludwig van Beethovens dritte Leonoren-Ouvertüre mit einer perkussiven Schicht unterlegen. Was indes im westlichen Konzertbetrieb undenkbar wäre, störte hier niemanden. Denn Musiker wie Publikum versenkten sich mit einer Konzentration in die Musik, wie man sie im Westen häufig vergeblich sucht.

So legten die Musiker eine Leidenschaft an den Tag, die sich nicht nur aus dem Umstand erklärt, dass sie nach der Sommerpause richtiggehend "heiß" aufs Musizieren sind. Das musikentwöhnte Publikum heizte sie zusätzlich an.

Die Zuhörer aber saßen auf der Stuhlkante und saugten die Töne förmlich auf. Auch wenn hin und wieder ein Handy klingelte oder zu spät Gekommene sich ihren Weg durch die Reihen bahnten - Pünktlichkeit ist keine Stärke der Iraner -, war doch die Konzentration beim Publikum für die Musiker spürbar. Der langsame Satz in Elgars Cellokonzert etwa, für das der ebenso junge wie fantastische Cellist Julian Steckel nach Teheran gekommen war, hatte durchaus Stecknadelqualitäten. Und selbst bei Johannes Brahms' vierter Sinfonie blieb das Publikum bei der Stange, obwohl sicher nur wenige dieses lange und auch für den Zuhörer schwierige Werk kannten.

Die Begeisterung machte sich Luft in Standing Ovations, wie sie das Orchester zu Hause nur selten erlebt - ein Indikator für die lange musikalische Mangelernährung. Immerhin: Der Ungarische Tanz Nr. 5 ist auch in Teheran ein Hit, wie die Freudenschreie bei der Zugabe zeigten. Eine Fernsehproduzentin sagt vor dem Konzert, dass es Bach und Beethoven immerhin auf CD gibt, der Iran also keineswegs musikalisches Niemandsland sei. Doch CDs gibt es nur als Raubkopien, und das Konzertleben liegt brach, auch wenn Dirigent Nader Mashayekhi mit seinem Tehran Symphony Orchestra alles versucht, das verdorrte Pflänzchen wieder aufzupäppeln. Doch für den nachhaltigen Erfolg seiner Sisyphusarbeit braucht das Land den Anschluss an die westliche Musikkultur. Den Anfang hat das Osnabrücker Symphonieorchester gemacht; die große Euphorie bei Musikern und Publikum ist ein hoffnungsvolles Zeichen.


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