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Nach dem Urteil zum Glücksspielmonopol muss der Markt in Deutschland neu geregelt werden Die Würfel sind gefallen

Von Detlef Drewes

Mehr Mitspieler könnte die Wett- und Glücksspielszene in Deutschland demnächst bekommen – das Monopol auf Glücksspiele und Sportwetten ist gekippt. Foto: APMehr Mitspieler könnte die Wett- und Glücksspielszene in Deutschland demnächst bekommen – das Monopol auf Glücksspiele und Sportwetten ist gekippt. Foto: AP

Luxemburg. Die Glücksfee hat gut lachen. Ausgerechnet den Europa-Richtern aus Luxemburg verdankt sie einen regelrechten Siegeszug. Sie haben gestern die Türen für noch mehr richtige (und falsche) Tipps geöffnet, indem sie das staatliche Monopol in Deutschland in Grund und Boden geurteilt haben. Mit sofortiger Wirkung.

Private Wettanbieter wie Bwin, Happybet, Tipico und andere waren vor deutschen Gerichten mit dem Versuch gescheitert, eine Lizenz für den lukrativen Markt in der Bundesrepublik zu bekommen. Immerhin gibt hierzulande jeder dritte Bürger mindestens einmal in der Woche einen Tipp ab. Doch da die Länder 2008 erst einen neuen Staatsvertrag geschlossen und darin das Monopol noch einmal untermauert hatten, legten die hiesigen Kammern nun dem Europäischen Gerichtshof die Entscheidung vor.

Und der urteilte unmissverständlich. Die deutschen Gesetze stellen einen nicht zulässigen Eingriff in die Dienstleistungs- und Niederlassungsfreiheit dar. Dieser könne jedoch gerechtfertigt sein, wenn „zwingende Gründe des Allgemeininteresses“ vorliegen. Etwa um die Spielsucht zu bekämpfen. Genau das aber sei de facto nicht der Fall, da die „Inhaber der staatlichen Monopole intensive Werbekampagnen durchführen, um die Gewinne aus den Lotterien zu maximieren“. Außerdem duldeten die deutschen Behörden Kasino- und Automatenspiele, deren Suchtpotenzial anerkanntermaßen sehr viel höher liege.

Bei Bwin knallten daraufhin nicht nur symbolisch die Korken, denn die Aktie legte gleich mal um vier Prozent zu. Im Europäischen Parlament begrüßte der Vorsitzende der CDU-Abgeordneten, Werner Langen, die Entscheidung als „Schritt für mehr Wettbewerbschancen staatlicher und privater Wettanbieter“. Und auch der Chef des Hightech-Verbands Bitkom, August-Wilhelm Scheer, sah die Entscheidung positiv: „Jetzt gibt es eine Chance, klare Regeln für einen freien Glücksspiel-Markt in Deutschland festzulegen.“

Dabei hatten die staatlichen Lotterie-Verwaltungen vor dem Verfahren alle Geschütze aufgefahren, um vor den Folgen einer völligen Liberalisierung des Marktes zu warnen. Ohne Kontrolle von öffentlichen Stellen könnten „Gelder in dunklen Kanälen versickern“, hieß es bei der Nordwestdeutschen Klassenlotterie. Und auch Lotto-Chef Friedhelm Repnik sagte offen: „Eine Freigabe des Marktes wäre mit erheblichen Risiken verbunden. Ich denke dabei vor allem an Spielsucht, Geldwäsche und Manipulationen.“Tatsächlich geht es ums Geld.Elf Milliarden Euro lassen sich die Bundesbürger im Jahr den Traum von einem Besuch der Glücksfee kosten. Die Bundesländer, die das Monopol ausüben, kassieren kräftig mit, denn 16,7 Prozent der Einnahmen wandern in deren Haushalte. Ein erheblicher Teil dieser Gelder – offiziellen Angaben zufolge über zwei Milliarden Euro – werden anschließend für Sponsoring-Projekte wieder ausgegeben. Viele Breitensport- und Kultur-Veranstaltungen wären ohne die Zuschüsse aus den Lotto-Anteilen gar nicht denkbar. Vor diesem Hintergrund zogen in den letzten Jahren die öffentlichen Prüfer durch die deutschen Länder, um private Wettbüros gleich reihenweise wieder zu schließen.

Doch hatte auch das so rigide deutsche System längst erhebliche Lücken, die mit dem hehren Anspruch, allzu leidenschaftliche Spieler vor sich selbst schützen zu wollen, nichts mehr zu tun hatten. Erst vor wenigen Tagen verurteilte das Oberlandesgericht Schleswig das Unternehmen NordWestLotto wegen Losverkäufen an Minderjährige. Das bayerische Marktforschungsunternehmen FairControl fand vor zwei Jahren heraus, dass 42 Prozent der Jugendlichen problemlos Wetten in offiziellen Annahmestellen abgeben konnten, obwohl dies ausdrücklich unter Strafe steht. Hinzu kamen die immer mehr verschwimmenden Grenzen. Der Fachbeirat Glücksspielsucht in Hessen erhob Mitte dieses Jahres Klage gegen das eigene Ministerium für Inneres und Sport, weil dieses dem Staatsunternehmen Lotto Hessen das Spielen per E-Post-Brief erlaubt hatte. „Wir brauchten längst eine klare Linie“, hieß es auch gestern in Luxemburg von Vertretern der staatlichen Verwaltungen, die aber lieber nicht genannt werden wollten.

Die muss nun kommen. Schließlich warten Deutschlands Tipper und Spieler darauf, sich auch an den ausländischen Lotterien beteiligen zu können. In Italien steht in dieser Woche ein Rekord-Jackpot von über 147 Millionenzur Ausspielung bereit. Bislang durften die Bundesbürger da nur zugucken. Dabei wissen ja alle, was Statistik-Forscher der Universität Dortmund unlängst herausfanden: Die Chance, beimklassischen 6-aus-49-Zahlenlotto sechs Richtige plus Superzahl zu treffe, liegt bei 1 zu 140 Millionen. Also: Die Chance, vom Blitz getroffen oder als Deutscher Papst zu werden, ist deutlich größer.