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Von kleinen und großen Peinlichkeiten

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Zum Einstieg gab es Vokabeln, die Sabina Philippa Ortland (links) mit Hilfe aus dem Publikum vermittelte. Foto: Sigrid Schüler-JuckenackZum Einstieg gab es Vokabeln, die Sabina Philippa Ortland (links) mit Hilfe aus dem Publikum vermittelte. Foto: Sigrid Schüler-Juckenack

„Heimat ist da, wo man sich nicht erklären muss.“ Dieses Zitat von Johann Gottfried von Herder gefällt Sabina Philippa Ortland. Die Autorin des Buches „Toprak – Erde“, aus dem sie am Dienstagabend in der Alten Webschule las, weiß, wie es ist, in der Fremde zu leben. Zwei Jahre lang hat sie in der Türkei gelebt und ihre Erfahrungen als Ausländerin humorvoll im Buch verarbeitet.

Eine Lesung im klassischen Sinn war es allerdings nicht. Ortland spielte, oft mit Unterstützung aus dem Publikum, die Geschichten aus ihrem Buch fast wie ein Theaterstück und machte dadurch begreifbar, was das Leben in der Fremde manchmal so schwer macht. Die Figur, die sie spielte, trägt den Namen Helga – eine Art türkischer Oberbegriff für deutsche Frauennamen. Mit Helga konnte das Publikum hautnah eine Odyssee durch die großen und kleinen Missverständnisse und Peinlichkeiten erleben, die das Leben in einer fremden Kultur mit sich bringen kann. So erwies sich die vermeintliche Einladung des türkischen Teppichhändlers beim Abschluss des Geschäftes als Höflichkeitsfloskel, die den unseren gar nicht so unähnlich ist, aber aus Unkenntnis von Helga falsch verstanden wurde. Und die Einladung von Freundinnen zum Nachmittagstee lief auch nicht wie in Deutschland. Unpünktlichkeit der Gäste sei in der Türkei keine Unhöflichkeit, denn die Gastgeberin beginne ja mit den Vorbereitungen sowieso erst, wenn die Gäste eingetroffen sind. Alles vorbereitet zu haben, wie hierzulande üblich, werde der Gastgeberin als Unhöflichkeit ausgelegt, erklärte Ortland. Das sähe nämlich so aus, als wolle man die Gäste schnell wieder loswerden.

So ist der Vorrat an Erfahrungen, aus dem der Alltag zu Hause gemeistert wird, in einer fremden Umgebung schnell erschöpft. Man könne sich noch so gut einfügen, aber die kulturelle Haut könne man nicht abstreifen, sagte Ortland. Bei ihrer Rückkehr nach Deutschland hatte Helga ein Gefäß mit türkischer Erde dabei, mit „Toprak“, ein Zeichen, dass ihr die Türkei trotzdem Heimat war.

In der anschließenden Diskussion appellierte Ortland an die Zuschauer, Verständnis und Toleranz für die in Deutschland lebenden Ausländer aufzubringen. Denen gehe es nicht anders als Helga, die sich um Integration bemühte und sie doch nie ganz erreichte. Ein Migrationshintergrund dürfe nicht als Handicap verstanden werden, sondern es sei eine Bereicherung, mehr als eine Kultur zu kennen.

Die Lesung fand im Rahmen des Literaturprojektes „Nimm die ein Buch“ vom Universum e.V. statt.


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