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Hörbare Proteste Abschied mit Pauken und Tröten

Von Michael Clasen

Vuvuzela-Protestkonzert: Viele Hundert Demonstranten sorgten für Störgeräusche beim Abschied von Christian Wulff. Foto: dapdVuvuzela-Protestkonzert: Viele Hundert Demonstranten sorgten für Störgeräusche beim Abschied von Christian Wulff. Foto: dapd

Berlin. Es ist kurz vor 19 Uhr, als Christian Wulff aus dem Schloss Bellevue kommt und zum Podest im Park von Schloss Bellevue schreitet, langsam und staatsmännisch. Verteidigungsminister Thomas de Maizière, Bayerns Ministerpräsident Horst Seehofer und der Generalinspekteur der Bundeswehr, General Volker Wieker, begleiten ihn. Vom Spreeufer schallt der Protest herüber. Hunderte haben sich dort versammelt, bewaffnet mit Vuvuzelas, Trommeln und Trillerpfeifen. Sie brüllen: „Schande, Schande, Schande“.

Wulff wirkt an diesem kalten Märzabend gefasst und aufgeräumt. Als wolle er mit aller Macht versuchen, der Republik nichts von seinem wahren Seelenleben zu verraten. Was fühlt ein Mensch, der innerhalb weniger Monate vom beliebtesten Politiker zu einer Persona non grata wird, die bei manchen Mitleid erregt – und bei vielen anderen Hohn, Häme und Hass erzeugt? Wulff erreicht das Podest. Er steht aufrecht, mit erhobenem Haupt.

Die Kulisse ist beeindruckend wie in einem Hollywoodfilm über Friedrich den Großen. 300 Soldatinnen und Soldaten der Streitkräfte der Bundeswehr stehen in Formation. Fackeln leuchten. Ihr Licht bricht sich in den Blasinstrumenten des aufmarschierten Stabsmusikkorps der Bundeswehr. Der Große Zapfenstreich – es ist die größte Ehrerbietung, die das deutsche Volk seinen Spitzenrepräsentanten zum Abschied zu Teil werden lassen kann. Helmut Kohl war bei seinem Zapfenstreich tief gerührt, Gerhard Schröder ebenso. Die Zeremonie ist würdevoll, aber für Wulff eine bittere Stunde. Denn das Gebrüll der Protestler auf der anderen Seite der Spree ist nicht zu überhören.

Die Stuhlreihen im Gästebereich sind dicht belegt, obwohl das Bundespräsidialamt weit mehr als 160 Absagen erhalten hat. Die Spitzen von SPD und Grünen hatten geätzt, der Zapfenstreich sei eine große Peinlichkeit. Die noch lebenden Alt-Bundespräsidenten Walter Scheel, Roman Herzog, Richard von Weizsäcker und Horst Köhler – alle Parteifreunde aus der Union – boykottieren ebenfalls Wulffs Abgang. Auch Niedersachsens Ministerpräsident David McAllister, der Wulff das Amt zu verdanken hat, ließ sich entschuldigen – offiziell aus Termingründen.

Rund 200 Gäste haben sich eingefunden, um Wulff in diesem schweren Moment zu unterstützen. Bundeskanzlerin Angela Merkel sitzt in der ersten Reihe und trägt einen dunklen Mantel. Sie verzieht kaum eine Miene. Annalena, Wulffs Tochter aus erster Ehe, ist auch gekommen. Bettina Wulff zeigt an diesem Abend, dass sie auch nach ihrem Umzug in das Einfamilienhaus in Großburgwedel weiter gekleidet ist wie eine Dame von Welt. Sie wirkt nicht traurig, lächelt sogar ab und an. Auch aus Wulffs Heimatstadt Osnabrück sind viele Gäste gekommen, etwa die Ordensschwester von den Thuiner Franziskanerinnen und Schulleiterin Eva-Maria Siemer, der CDU-Bundestagsabgeordnete Mathias Middelberg, der Generalsekretär der Deutsche Bundesstiftung Umwelt, Fritz Brickwedde, und der Vorsitzende der Konrad-Adenauer-Stiftung, Hans-Gert Pöttering.

Georg Schirmbeck ist eine gewisse Bestürzung anzumerken. Mit Wulff habe er über 30 Jahre erfolgreich zusammengearbeitet, sagt der CDU-Bundestagsabgeordnete. „Gerade im Osnabrücker Land werden ihm die Menschen für seine Leistungen dankbar sein.“ Ob Wulff im persönlichen Bereich Fehler gemacht habe, mag jeder für sich selber beantworten. „Die Medien sollten sich fragen, ob man auch jetzt noch auf jemanden einschlägt, der am Boden liegt.“ Mit Blick auf die vielen Absagen fügt Schirmbeck hinzu: „Am Großen Zapfenstreich nehme ich aus der festen Überzeugung teil, dass Kameraden in guten und schlechten Zeiten sich den persönlichen Respekt nicht verweigern dürfen.“

Warum der scheidende Bundespräsident zum Zapfenstreich nicht die üblichen drei Lieder ausgesucht hat, sondern ein Extralied wollte, bleibt ein Rätsel. Das erste Lied spielt das Musikkorps der Bundeswehr kraftvoll. Es ist der „Alexandermarsch“ von Andreas Leonhardt, gleichzeitig Divisionsmarsch der 1. Panzerdivision in Hannover. Doch das Getröte der Demonstranten macht aus der feierlichen Vorführung einen mehr als gewöhnungsbedürftigen Hörgenuss.

Das zweite Stück, „Da berühren sich Himmel und Erde“, stammt vom Komponisten Christoph Lehmann und zählt zum Neuen Geistlichen Liedgut der Kirche. Beethovens folgende „Ode an die Freude“ ist ein Klassiker, die zugleich als Europahymne gilt. An diesem Abend könnte die Ode am Schloss im Schein der Fackeln gewaltig klingen – wenn da nicht die Demonstranten wären.

Wulff gibt sich dennoch gelassen, nicht niedergeschlagen. Seine Hände sind nie zur Faust geballt. Der Krach vom Spreeufer ebbt vorübergehend ab, als das Stabsmusikkorps die Musik von Harold Arlen spielt. „Over the Rainbow“ kann Seelen berühren, auch die von geschassten Bundespräsidenten. Es ist im wahrsten Sinne des Wortes ein traumhaftes Lied. Denn es geht um die Sehnsucht nach einer besseren Welt am anderen Ende des Regenbogens, wo die „Probleme schmelzen wie Zitronenbonbons“. Was wohl für Wulff am anderen Ende des Regenbogens wartet – der Ehrensold mit allen Extras oder die Staatsanwaltschaft Hannover mit harten Beweisen?

Als die Nationalhymne verstummt und die Soldaten im Fackelschein abziehen, verlässt Wulff das Podest und schreitet mit Frau Bettina zurück ins Schloss Bellevue. Die Demonstranten schreien weiter: „Schande, Schande, Schande.“ Doch der gefallene Bundespräsident geht weiter aufrecht wie ein Staatsmann. Dann dreht er sich mit Bettina noch einmal zu den Gästen um, winkt und zeigt sein strahlendes Lachen – das vorerst letzte Mal auf der großen politischen Bühne.