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Vorbild für Banken und Unternehmen – Die kleine Krise stört nicht wirklich Barça: Ein Klub wird zum Modell

Von Ronald Reng

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Zusammenhalt als Stärke: Auch eine kurze Durststrecke kann dem FC Barcelona nichts anhaben. Foto: dapdZusammenhalt als Stärke: Auch eine kurze Durststrecke kann dem FC Barcelona nichts anhaben. Foto: dapd

Barcelona. Der Weltmeisterpokal musste ins Krankenhaus. Carles Puyol, der Kapitän des FC Barcelona, erschien im zurückliegenden Dezember im Hospital Quirón mit der Trophäe, die seine Elf gerade bei der Klub-Weltmeisterschaft in Japan gewonnen hatte. Seine Mitspieler Cesc Fàbregas, Gerard Piqué und Andreu Fontàs begleiteten ihn. Sie brachten den Pokal ihrem Stürmer David Villa, der sich im Halbfinale der Klub-WM das Schienbein gebrochen hatte.

Die Geste offenbarte, dass die interessanteste Fußballelf der Welt – die am heutigen Dienstag zum Champions-League-Achtelfinale bei Bayer Leverkusen antritt – nicht nur von ihrem genauen Passspiel lebt, sondern auch von so etwas vermeintlich Altmodischem wie einem besonderen Zusammengehörigkeitsgefühl. Nach und nach besuchten alle Villa im Hospital, vom Trainer bis zum Präsidenten.

Das Anderssein hat Barça zu seinem Konzept gemacht. So wurde die Elf nicht nur für Sportklubs, sondern für Banken und Unternehmen zum Modell. Dabei geht diese Saison alles etwas schwerer, zwischen Tabellenführer Real Madrid und Barça liegt ein Gran Canyon von zehn Punkten. Von seiner Klasse hat Barça nichts verloren, an Konstanz einiges, was nach 13 von 16 möglichen Titeln in den jüngsten fünf Jahren nicht verwundert: Da ist ein gewisser Verschleiß zwangsläufig. An seinem Modell – das langatmige Passspiel mit selbst ausgebildeten Spielern – jedoch ändert Barça trotz aller Alltagsschwierigkeiten nichts. Und so bleibt es ein Beispiel für Leute wie Jim Collins und Boris Groysberg. Das sind führende amerikanische Wirtschaftstheoretiker.

Professor Groysberg von der Harvard Business School warnt seit Jahren, dass Wirtschaftsunternehmen zu besessen davon sind, die besten Talente einzukaufen. In einer Studie an der Wall Street fand er heraus, dass die Performance von Spitzenbankern erschreckend schnell und oft sank, sobald sie die Firma wechselten. Groysberg schloss daraus, dass unsere Arbeitsleistung nicht nur von unserem Talent abhängt, sondern von dem Team um uns herum, von dem Gefühl, sich sicher und geborgen zu fühlen, die Methodik und Ideen der Firma verinnerlicht zu haben. Fußballklubs sind eigentlich die schlimmeren Investmentbanken: Sie heuern und feuern die Profis in unglaublichem Tempo, ohne Rücksicht auf ihre Wurzeln. Barça dagegen hat 16 seiner 25 Spieler selbst groß gezogen, darunter die Weltbesten, Leo Messi, Xavi Hernández, Andrés Iniesta. Aus dem Gefühl, in dem Verein zu Hause zu sein, ziehen sie Selbstsicherheit, aus der totalen Identifikation und Verinnerlichung des Spielstils entsteht der traumwandlerische Fluss ihrer Pässe.

Groysbergs Kollege, einer der angesehensten Managementforscher, Jim Collins aus Stanford, predigt Wirtschaftsunternehmen, was Barça vorlebt: Langfristig, schreibt Collins in seinem Buch „Der Weg zu den Besten“, sei Wirtschaftserfolg nur zu erreichen, wenn ein Unternehmen sich an „Werten und Methoden orientiert, die es von den anderen unterscheiden“. Barça spielt seit 22 Jahren, wie niemand mehr spielen wollte. Ihr ewiges Passspiel galt als zu riskant, zu pomadig; noch heute kopieren die anderen Barças Fußball allenfalls in Elementen, das Pressing im Angriff etwa.

Am Samstag verlor Barça 2:3 gegen Osasuna, es sah wie die definitive Niederlage im Meisterschaftskampf gegen Madrid aus. Trainer Pep Guardiola hatte das Weltmeistermittelfeld mit Xavi, Iniesta, Cesc auf die Ersatzbank gesetzt und die selbst ausgebildeten Junioren Thiago und Sergi Roberto spielen lassen. Oberflächlich war es ein verhängnisvoller Fehler. Gleichzeitig war es ein Manifest: Barça vertraut immer mehr dem Modell als einzelnen Spielern.

Jim Collins schreibt, Führungskräfte bräuchten fünf Eigenschaften: Bescheidenheit, Entschiedenheit, Zurückhaltung, Härte gegen sich selbst und keine Starallüren. Man könnte glauben, er beschriebe präzise die Barça-Stars, die einen Mitspieler im Hospital nicht vergessen. Deshalb gehört die Geschichte vom Weltmeisterschaftspokal im Krankenhaus in die moderne Wirtschaftslehre. David Villa nahm die Trophäe, stemmte sie im Krankenbett in die Höhe und sagte strahlend zu den Kollegen: „Ihr seid echte Monster!“


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