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Rammstein-Gitarrist Kruspe: Ich habe die Stasi ausgetrickst

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Massive Lautsprecher im kleinen Vorführraum von Universal Music in Berlin lassen erahnen, was gleich abgeht. Das sogenannte Pre-Listening der neuen Rammstein-CD für Journalisten aus ganz Europa bläst die Pressevertreter förmlich von den Sitzen. Danach geht es zu den Einzelinterviews.

Welch ein Kontrast: Richard Kruspe (42), Gründer und Leadgitarrist der weltbekannten deutschen Rockband, chillt bei Obst, Joghurt und Mineralwasser – und erweist sich als netter, kultivierter Zeitgenosse, der freimütig über Songs, DDR-Alltag und Familie plaudert.

Vier Jahre gab es nichts Neues von Rammstein. Ist das neue Album „Liebe ist für alle da“ ein großer Wurf?

Es gibt auf jeden Fall richtig starke Songs auf dem Album. Mein Lieblingssong ist „Roter Sand“, eine Ballade über einen Wildwest-Showdown, die mich an Filmmusik von Ennio Morricone erinnert. Aber eine objektive Meinung habe ich mir über das neue Album noch nicht bilden können, weil die Produktion der CD auch mit viel Frustration und stellenweise Verzweiflung verbunden war.

Was war los?

Alle waren an allem beteiligt und interessiert, somit die Entscheidungskraft gleich null, weil jeder in eine andere Richtung wollte. Sechs Leute auf dem Boot und jeder spielt Kapitän – das ist echt hart.

Haben Sie deshalb nebenbei Ihre eigene Band Emigrate gegründet?

Emigrate hat mir geholfen, mich bei Rammstein ein wenig zurückzunehmen. Sonst hätte ich weiter versucht, die Band mit meinen Ideen zuzuschütten. Außerdem hatte ich einen räumlichen Abstand zu Rammstein, seitdem ich in New York lebe. Dadurch konnte ich mich stellenweise diesen intensiven und oft quälenden Prozessen entziehen und die Dinge aus der Distanz klarer sehen.

Was meinen Sie genau?

Du brauchst den Abstand, um zu begreifen, wie bescheuert wir eigentlich sind (lacht). Das Problem ist aber: Sobald du wieder den Kreis betrittst, merkst du das nicht mehr. Hinzu kommt: Alle meinen es ja gut, keiner will dem anderen bewusst eins auswischen. Trotzdem gab es Momente, in denen ich dachte: O.k., das war es jetzt. New York gab mir eine gewisse Leichtigkeit zurück, und ich dachte: Mein Gott, ist doch nur Musik, über die wir streiten, und nicht Weltpolitik.

Jetzt meldet sich die Band erfolgreich mit einem zensierten Pornovideo zurück. Klingt nach der kalkulierten Provokation?

So etwas kann man nicht wirklich kalkulieren. Das Schöne ist ja, dass wir immer verrückte Dinge tun, und der Rest der Welt denkt: Das ist doch bis ins Detail geplant. So funktioniert das aber nicht. Jegliche Form von Kunst muss eine gewisse Naivität beinhalten, um spontan zu bleiben. In dem Moment, in dem wir uns fragen, wie würde das wirken?, wen würden wir damit provozieren, schockieren oder auch erfreuen?, ist die Energie schon längst verflogen. Wir sitzen nicht am Tisch und hecken Werbekampagnen aus.

Wie ist die Pussy-Vermarktung dann entstanden?

„Pussy“ ist ein Popsong, der anfangs nicht zum Album passen wollte. Till hatte einen englischen Text geschrieben, irgendwann gab es die Idee, diesem deutsche Bausteine hinzuzufügen. Auch bei diesem späteren deutschen Text brauchte ich drei Tage, um den speziellen Humor gut zu finden. Der Song war auch nicht als erste Singleauskopplung mit Videoclip vorgesehen. Trotzdem haben wir Jonas Akerlund, einen der weltbesten Videoregisseure, gebeten, sich Gedanken dazu zu machen. Seine Antwortet lautete: „Kinder, lasst uns eine Revolution machen und einen Porno drehen.“ Alle hatten plötzlich ein Lächeln im Gesicht und fanden die Idee gut. Es passte zum Lied und war eine Herausforderung.

Tabus scheinen Sie ohnehin nicht zu kennen: In dem Song „Wiener Blut“ wird der monströse Inzestfall Fritzl in Österreich thematisiert.

Es gibt durchaus Auseinandersetzungen innerhalb der Band. In diesem Fall aber nicht. Der Fritzl-Fall ist eine Realität, die uns zu diesem Song inspiriert hat. Es ist unser Job, die düsteren Themen und menschlichen Abgründe zu beleuchten. Ich persönlich finde es sehr interessant zu versuchen, die psychologischen Aspekte zu begreifen.

Treten Sie den Opfern dabei nicht zu nahe?

Diese Frage müsste man den Boulevardmedien stellen, die diese Story bis in alle Einzelheiten ausgeschlachtet haben.

In „Waidmanns Heil“ heißt es im Refrain „Die Kreatur muss sterben“. Haben Sie nicht Bedenken, dass so ein Satz bei zwei Promille im Blut als Aufruf verstanden werden kann?

Das ist die ewige Diskussion, wie weit du in der Kunst gehen darfst. Was wir darstellen, ist doch alles Fiktion. So ein Satz kommt in Tausenden Romanen und Thrillern vor, und keiner beschwert sich darüber. Du kannst als Künstler nicht die Verantwortung der ganzen Welt auf dich nehmen, sondern brauchst im Gegenteil die Freiheit, dich so auszudrücken, wie es dir wichtig ist. Wird das zensiert und beschnitten, kommen wir in alte Systeme zurück, in denen ich aufgewachsen bin und mit denen ich nichts mehr zu tun haben möchte.

Sie meinen die DDR, in der Sie alle aufwuchsen: Ist dieser Freiheitsdrang in jeglicher Form ein wesentlicher Impuls der Band?

Ich denke ja. Daher rührt unterbewusst wohl dieses sorglose und naive Herangehen an Dinge, ohne dreimal darüber nachzudenken, was die Leute denken könnten.

Wie stark ist die Erinnerung an das Honecker-Regime?

Kindheit und Jugend begleiten einen das ganze Leben. Ich bin einerseits froh, dieses Leben gelebt zu haben, denn ich habe eine gute, sorglose Zeit bis zum zwölften Lebensjahr gehabt. Wir hatten keine Probleme mit finanziellen und materiellen Dingen, obwohl die DDR praktisch schon pleite war. Davon haben wir nichts mitbekommen. Es gab ein intaktes Elternhaus und ein intaktes Schulsystem. Das Problem fing an, als man mit 12, 13 Jahren neugierig wurde und unbequeme Fragen stellte. Bei mir hat es dann noch acht Jahre gedauert, bis ich gemerkt habe, dass ich da rausmusste.

Sie sind Ende Oktober 1989 geflüchtet...

Über die CSSR und Ungarn in den Westen. Die Grenze war infolge der vielen Demonstrationen und der Fluchtwelle bereits dicht. Also bin ich bei Nacht und Nebel rüber. Mit einem richtigen Plan: Ich hatte mir genau aufgeschrieben, wo die Wachen langgehen. Obwohl die Grenze nicht mehr so stark bewacht wurde wie in den alten kommunistischen Zeiten, war die Sache ziemlich abenteuerlich und gefährlich.

Wurden Sie eigentlich von der Stasi observiert?

(lacht) Ja. Aber ich konnte die austricksen.

Wie bitte? Wie haben Sie das denn geschafft?

Ich habe neben meinem Beruf Musik gemacht und Schmuck hergestellt, um mein Leben zu finanzieren. Beides durfte man nicht im Osten. Die haben das über einen Spitzel herausgefunden und mich erpresst, weil ich dafür weder Steuern zahlte noch eine Facharbeiterausbildung hatte. Die Stasi stellte mich vor die Wahl: entweder IM – also inoffizieller Mitarbeiter – werden oder in den Knast gehen. Ich hatte eine Woche Bedenkzeit.

Eine Entscheidung zwischen Pest und Cholera...

Natürlich sollte ich absolutes Stillschweigen bewahren. Genau das habe ich aber nicht getan, sondern stattdessen diese Geschichte in meinem ganzen Bekanntenkreis verbreitet. Mit dem Hintergedanken, dass die merken sollten: Der quatscht zu viel und ist unbrauchbar. Nach einer Woche haben die mich tatsächlich in Ruhe gelassen. Ich hatte echt Glück. Später hatte ich nie den Drang herauszufinden, wer von meinen Freunden mich ausgehorcht hat. Das war Vergangenheit.

Sie sollen Ihre erste Gitarre nicht aus Liebe zur Musik erworben haben. Stimmt das?

(lacht) Ja. Das hatte tatsächlich einen geschäftlichen Hintergrund. Ich habe meine erste Gitarre in der CSSR gekauft, um sie in der DDR wieder verkaufen zu können. Obwohl: Als Kind bin ich meiner Lehrerin auch schon als musikalisch aufgefallen. Aber im Osten zählte eher der Sport, das war der große Exportschlager. Ich war damals Ringer! Aber wer weiß: Vielleicht wäre ich klassischer Musiker geworden, hätte ich Musikunterricht nehmen dürfen.

Als Jugendlicher machten Sie dann Rock- und Punkmusik. Wollten Sie auch den Mädels imponieren?

(lacht) Wahrscheinlich. Obwohl ich nie Probleme hatte, Mädchen zu bekommen. Ich war nicht der hässliche, schüchterne Typ in der Ecke. Meine Situation war eher so: Ich hatte ganz oft Stubenarrest, und Musik war für mich die einzige Brücke zu flüchten. Ich kann mich genau erinnern, wie ich zu Hause allein in diesem tristen Zimmer gesessen, nach draußen geschaut und Tapes mit Musik von Led Zeppelin, Black Sabbath und AC/DC gehört habe. Das waren für mich gedankliche Ausflüge, um aus dem Osten rauszukommen.

Warum hatten Sie so oft Stubenarrest?

Ich war eben der Zweitgeborene. Die Aufmerksamkeit bekam eher der ältere Bruder. Das Einzige, was ich machte, um Aufmerksamkeit zu erzeugen, waren Probleme. Der große Bruder war der Gute, also war ich der Bad Boy.

Weltweit sind Rammstein Megastars, nur in Deutschland tut man sich schwer mit Ihnen: Fühlen Sie sich hier unverstanden?

Ich nicht mehr, weil ich seit zehn Jahren in New York lebe. Auf der einen Seite vermisst man das, gerade weil die sogenannten Celebrities hier so verstaubt sind. Auf der anderen Seite genieße ich das auch, weil ich dadurch meine Ruhe habe und mich auf der Straße keiner blöd anquatscht. Ist schon skurril: Einmal im Jahr spazieren wir hier über den roten Teppich, holen Preise ab, und trotzdem erkennt dich keiner… (lacht). Ich habe tatsächlich erst in New York mitbekommen, dass ich bekannt bin. Den Begriff Rockstar gibt es ja in Deutschland gar nicht.

Tokio Hotel sind auch aus dem Osten, machen Rockmusik mit deutschen Texten und haben internationalen Erfolg. Sehen Sie Parallelen?

Überhaupt nicht. Die sind die absoluten Medienlieblinge, während wir die bösen Buben sind. Aber selbst mit so einem Image müssten wir eine gewisse Medienpräsenz haben. Haben wir aber nicht, wir kommen in den Klatschspalten überhaupt nicht vor. Tokio Hotel sind aber auch eine ganz andere Generation mit anderer musikalischer Herkunft. Bei denen geht es um Quoten, das ist alles gesteuert. Die Jungs sind zudem sehr jung. Das Schwierigste im Business ist, den Zusammenhalt der Band zu garantieren. 15 Jahre müssen die erst schaffen.

Wie gehen Sie mit Dissonanzen innerhalb der Band um?

Wir haben immer viel diskutiert und sind daran gewachsen. Ich habe irgendwann begriffen, dass Rammstein für mich etwas Größeres darstellt als mein Ego. Ich kann mich darunterstellen und mich in diesen Momenten entspannt zurücklehnen.

Ist das Bad-Boy-Image ein Panzer, der Privates schützt?

Nein, eher im Gegenteil. Als wir vor zehn Jahren in die rechte Ecke gedrängt und geschrieben wurden, gab es Momente, die mir extrem unangenehm waren.

Wie sind Sie mit den Fascho-Vorwürfen umgegangen?

Schwierige Sache. Du willst es laut ausrufen und die Leute vom Gegenteil überzeugen, und stellst fest: Es hört keiner zu, weil es gar keiner wissen will. Die wollen dich in dieser Ecke haben. Das war sehr ernüchternd.

Sie sind jetzt alle über 40. Für Rocker ein schwieriges Alter?

Das ist generell für Männer ein schwieriges Alter. Meiner Meinung nach geht man bis 40 extrem nach außen, danach fängt man an, über innere Werte nachzudenken, zu reden und zu handeln. Ein schwieriges Feld, weil man Befriedigung nicht im Äußeren, sondern im Innern finden muss. In der Welt des Rockstars kannst du nicht wirklich ein glückliches Leben führen.

Wie setzen sich Ihre Familien und Freunde mit der Rammstein-Welt auseinander?

Unterschiedlich. Sowohl Anerkennung als auch Kritik. Ich bin froh, dass wir mit „Pussy“ endlich mal ein Video gemacht haben, das meine Mutter nicht gut findet (lacht). Es ging ja schon so weit, dass sie bei allen deutschen Shows dabei war und sich dabei richtig wohlfühlte. Da dachte ich: Irgendetwas machen wir falsch.

Die Rammstein-Videos sind sehr aufwendig produziert. Macht das Drehen Spaß?

Absolut. Ich wäre liebend gern Schauspieler geworden.

Kann ja noch kommen.

Nee. Dann wird man gleich abgestempelt. Nach dem Motto: Noch so ein Musiker, der meint, Schauspieler zu sein. Ich hätte den Beruf gern richtig gelernt und dann Karriere gemacht. Als Schauspieler schlüpfst du ständig in unterschiedliche Rollen, als Musiker bist du immer in der derselben Soap Opera. Das kann auf die Dauer langweilig werden.

Wohin steuert Rammstein?

Wir wollen weltweit 200 Shows in den nächsten Jahren spielen. Weiter plane ich nicht.

Wie gewohnt in den größten Hallen, mit Feuer, Theatralik und Pyro-Effekten?

Diese Elemente gehören zur Rammstein-Show wie ein Markenzeichen. Wir haben begriffen, dass wir nicht mehr zurückkönnen, und sind gezwungen, diese bombastischen Shows weiterzuführen. Ich würde gern mal wieder in einem kleinen Club spielen. Aber Abrüsten geht mit Rammstein nicht.

Richard Kruspe

wird am 24. Juni 1967 in Wittenberge in der DDR geboren. Er wächst zusammen mit einem älteren Bruder und zwei Schwestern auf. Im Alter von 16 Jahren beginnt der sportliche Schüler E-Gitarre zu erlernen. Mit 19 zieht Kruspe zu Hause aus und wohnt im Ostberliner Bezirk Prenzlauer Berg. Er arbeitet als Koch, Kassierer und Verkäufer, und macht nebenbei Musik. Am 10. Oktober 1989 gerät Kruspe zufällig in eine Demonstration gegen das DDR-Regime, wird dabei verletzt und für sechs Tage ins Gefängnis gesperrt. Zwei Wochen später verlässt er die DDR über die CSSR und Ungarn. Nach dem Mauerfall kehrt er zurück und spielt in den Undergroundbands „Das Auge Gottes“ und „Orgasm Death Gimmick“.

Anfang der Neunzigerjahre lernt Kruspe Till Lindemann als Schlagzeuger der Punkband „First Arsch“ kennen. Zusammen mit ihm als Sänger sowie seinen Prenzlauer WG-Mitbewohnern Oliver Riedel, Bassist der Inchtabokatables, und Christoph Schneider, Schlagzeuger bei „Die Firma“, gewinnt Kruspe 1994 mit einem Demo unter dem Namen Rammstein einen Band-Wettbewerb in Berlin. Der Name geht auf das Flugzeugunglück von Ramstein 1988 zurück. Gitarrist Paul Landers und Keyboarder Flake Lorenz von der Punkband „Feeling B“ komplettieren die Band, die kurz darauf einen Plattenvertrag erhält. Mit Veröffentlichung des ersten Albums „Herzeleid“ (1995) spielen sich Rammstein gleich an die Spitze der Rockmusik. Auch Kritik hält die Band nicht auf. Ihr neues Album „Liebe ist für alle da“ stürmt gerade weltweit die Charts.


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